Epilog: Gerda

Was war geschehen?

Hauptperson, Singulär

Die Brücke, das Geländer, der Fluss, das Hochwasser, großes Unglück. Rückstau in der Kanalisation, ausgelaufene Güllebehälter, Treibgut, verendetes Vieh. Der ganze Fluss: eine einzige Kloake. Auf der Brücke Verkehrsstau, Stillstand, übelriechender Dunst in schwül-warmer Herbstluft.

Und Lotta.

Lotta auf dem Geländer. Gerda stellt ihr Zweirad ab und rennt. Hinter Lotta, neben Lotta, neben dem Geländer, nebenher. Lotta turnt, überschlägt sich. Lotta, die nie ein Kleid getragen hat, im kurzen, blauen Glitzerkleid. Darunter dieser alberne, umständliche Schwimmanzug. Da stimmt etwas nicht. Das ist falsch, auf beängstigende Weise falsch.

Verrückt war Lotta schon immer, aber jetzt dreht sie völlig durch. Sie muss krank sein, krank im Kopf. Lotta schreit Gerda an, will sie loswerden: Lass mich in Ruhe, du fette Glucke! Ich hasse das, mich beglucken. Du solltest gar nicht hier sein, das war so nicht geplant, warum bist du überhaupt hier? Hau ab, du machst alles kaputt!

Was kaputt machen? Was soll Gerda denn kaputt machen. Es ist doch schon alles kaputt. Gerda will nur retten, was zu retten ist. Sie will helfen.

Ja, Gerda ist dick, sinnlos das Offensichtliche zu leugnen. Aber sie fett zu nennen ist verletzend und überflüssig. Man kann darüber auch schweigen. Nie, noch nie hat Lotta über Gerdas Gewicht gelästert. Im Gegenteil: Lotta war es doch, die das mit der Wichtigkeit erst aufgebracht hat: »Du bist nicht übergewichtig«, hat sie gesagt, »Du bist wichtig, überwichtig, von uns allen bist du die Hauptperson.«

Jetzt hat Gerda Angst, entsetzliche Angst. Was ist denn nur mit Lotta los?

Gerda weiß, dass Lotta dicke Frauen nicht mag. Dicke Frauen, die sie wie ein kleines Mädchen beschützen wollen, sich wie eine fette Glucke auf sie setzen. Gerda weiß das, aber darum kann sie doch nicht einfach nach Hause gehen, wenn Lotta dabei ist, sich etwas anzutun.

Lotta im Glitzer, als stünde sie in Flammen, schlägt Rad, frei, leicht, eins, zwei, drei, leicht, auf dem Geländer, aus der Drehung in die Tiefe, taucht ein und ist - verschwunden.

Und Gerda hinterher. Dieselbe Gerda, die sich vor Abgründen fürchtet, die nicht schwindelfrei ist, die nicht schwimmen kann, die sich alles dreimal überlegt, ohne Zögern hinterher, über das Geländer, Lotta retten oder sterben.

Aber da ist dieser Mann, packt Gerda am Handgelenk, packt ganz fest zu, ein starker Mann. Der will Gerda zurückhalten. Was denkt der sich? Das kann Gerda nicht zulassen, sie muss hinterher. Die starke Hand, ihr direkt vor Augen, beißt sie dem Mann in die Hand, tief. Gerda schmeckt Blut. Der Mann schreit auf vor Schmerz: Au, oh, diese verfluchte Schlampe hat mir die Hand abgebissen! Gerda kommt frei, sie sieht noch die Brücke über sich, dann ist alles weg. Kein Aufprall, kein Eintauchen, Gerda kann sich nicht erinnern.