Epilog: Gerda
Hauptperson, Singulär
die Augen ein wenig zusammenkneift, dann kann sie sie sehen. Maria und Joseph, dort hinter der Raufe, wo die Zaunpfähle gelagert sind. Trautes, hochheiliges Paar. Aber wer will schon hochheilig sein? Da bleibt ja kein Platz mehr für die Liebe. Schwangere Jungfrau, das Kind vom Heiligen Geist gezeugt. Gerda kennt eine viel schönere Geschichte, die Geschichte vom Kuckuckskind. Maria hat Joseph betrogen und weil sie ihren Joseph liebt, will sie ihm die Wahrheit sagen. Aber Joseph will die Wahrheit nicht hören, denn die Wahrheit wäre Ehebruch und dafür müsste er Maria steinigen, das war in biblischer Zeit die Strafe für Ehebruch.
Steinigen, das wäre auch eine Idee für Gerda. Sie muss ja noch einen Weg finden, wenn sie Gewissheit über Lottas Tod hat. Ach, Lotta. Das Gute am Steinigen ist, dass man nichts selbst machen muss. Gesteinigt werden kann jeder Dummkopf. Es ist so schwer, wenn man sich selbst etwas antun muss. Lass das mal andere machen. Aber wo soll Gerda so schnell einen Ehemann finden, den sie betrügen kann?
Joseph jedenfalls will Maria nicht steinigen, dazu liebt er sie zu sehr. Also bittet er sie um eine Ausrede, die er ihr glauben will. Und Maria fällt nichts besseres ein, als diese Geschichte mit der Verkündigung und dem Heiligen Geist. Der Erzengel Gabriel. Ob das derselbe Gabriel ist, Lottas Gabriel? Amtlich ist er Veras Privatsekretär. Vielleicht ist der 3000 Jahre alt. So alt sieht er eigentlich nicht aus, aber wenn er 3000 Sprachen spricht, wann soll er die denn alle gelernt haben?
Maria und Joseph wissen beide, dass es eine Lüge ist. Aber beide beschließen die Lüge zu glauben, und ist es dann noch eine Lüge, oder ist die Lüge dann wahr geworden? Das ist so schön, das ist die ganz ganz große Liebe. Und das ist ja das Schöne mit den alten Geschichten. Alles bleibt in der Schwebe, das Material bleibt biegsam und kann nicht brechen, ein ganzes Glas voller Seligkeit. Gut, dass Gerda nicht getauft ist, so kann sie alles in der Schwebe halten und muss den Heiligen Geist nicht wörtlich nehmen. Vom Heiligen Geist, ein Kuckuckskind wärs ja trotzdem. Der Heilige Geist war bestimmt ein Kuckuck und keine Taube, das kann man ja so genau gar nicht sehen da oben am Himmel.
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