Epilog: Gerda

An der Festtafel

Hauptperson, Singulär

bedanken sich Oma Phil und Oma Mia bei den Musikern und den Tänzern für die große Hilfe, die sie ihnen haben zukommen lassen, decke sich so ein Tisch doch im Handumdrehen, wenn einem die Kinder nicht dauernd zwischen den Beinen herumstolperten.

Das habe sie sich auch gedacht, pflichtet Vera bei und bittet alle zu Tisch. Nachdem jeder seinen Platz an der Tafel gefunden hat, wird gegessen, gegessen, gegessen. Und zwischen Vorspeise, Hauptgericht und Nachspeise entspinnen sich die wunderbarsten Tischgespräche.

Brigitte findet, Brillenfee und Oma Mia sähen einander ungeheuer ähnlich, so, wie sie ihr da gegenüber säßen, ob sie wohl Mutter und Tochter seien, ach, Carlos' Mutter, ja, die Ähnlichkeit falle natürlich auch ins Auge, dann sei sie also Lottas Großmutter, daher also die Oma, aber für eine Oma sei sie doch viel zu jung, sie, Brigitte, werde sie einfach nur Mia nennen.

Kai, der bei dem Versuch, Oma Phils Ansinnen bezüglich seiner nicht vorhandenen Reitkünste zu entkommen, versehentlich auf dem Platz zwischen Barbara und Brigitte gelandet und damit offenbar vom Regen in die Traufe geraten ist, sieht sich nun den Avancen der beiden jungen Damen ausgesetzt. Barbara habe ja schon so viel gutes von Kai gehört, er sei ja wohl hochbegabt, eine richtige Berühmtheit an der Schule. Ja, und dann sei es doch ein Jammer, meint Brigitte, dass sie und die anderen Mädchen ihn kaum kennten, zumal er ja gleich nebenan bei ihnen wohne. Ob er sich nicht einmal mit ihnen treffen möge, zu Kaffee und Kuchen, draußen auf der Terasse, auf die Kammern dürften sie nicht. Kai solle mal etwas sagen. Kai sagt aber nichts. Brigitte drängt, Barbara solle mal seinen Vater, Heinz, zu ihrer Linken fragen, was mit Kai los sei, warum der nichts sage. Och, der werde schon noch was sagen, meint Heinz, nur Geduld. Ob Kai denn überhaupt reiten könne, fragt sich Brigitte, sie habe ihn hier oben noch nie reiten sehen. Sicher werde er reiten können, meint Barbara, er sei doch hochbegabt. Papperlapapp, urteilt Brigitte, sie könne ihm an der Nasenspitze ansehen, dass er nicht reiten könne und das sei ungeheuerlich für einen hochbegabten jungen Mann. Aber keine Angst, sie, Brigitte, werde ihm, Kai, das Reiten schon beibringen, immerhin sei sie ja seit neustem dazu amtlich berechtigt. Barbara mahnt, Brigitte solle nicht so frech sein, immerhin sei Kai mit Gerda verlobt. Sie sei nicht frech, protestiert Brigitte, sie sei nur nett, sie sei angehalten worden, sich auf dem Fest nett mit den Leuten zu unterhalten, und das tue sie die ganze Zeit, sich nett mit Kai unterhalten. Und mit Gerda zu ihrer Rechten, was Gerda denn davon hielte, wenn sie, Brigitte, ihrem Verlobten Kai Reituntericht gäbe. Das wäre wunderbar, meint Gerda, wenn es Brigitte gelänge, Kai dazu zu überreden, Oma Phil sei daran schon gescheitert. Ja, überreden, gut, wendet Brigitte ein, aber der sagt ja nichts.

Heinz spricht Carlos, der ihm schräg gegenüber am Ende der Tafel sitzt, ein großes Lob und heißen Dank für das ausgezeichnete Festmahl aus, das dieser in so kurzer Zeit auf den Tisch gezaubert habe. Er verstehe überhaupt nicht, wie man eine solche Menge unterschiedlicher Speisen alle gleichzeitig zur rechten Zeit fertigstellen könne. Mit einem Augenzwinkern bekennt er, er habe ja von Carlos' früherem Leben als Sternekoch gehört und deshalb schon mit einem winzigen Klecks vornehmer Edelkost verloren am Rand eines riesigen weißen Speisetellers gerechnet, aber das Essen sei reichlich gewesen und habe ihm hervorragend geschmeckt.

Nein, nein, lacht Carlos, ganz so sei das nicht. Die Sterne gebe es auch, wenn es schmecke und die Leute satt würden. Und was seine Kochkünste angehe, erklärt Carlos, das Kochen sei nun einmal seine Leidenschaft und er habe auch großartige Hilfe, wobei er seiner Außenkochstelle einen liebevollen Klaps auf die Seite gibt. Ohne dieses technische Wunderwerk sei es gar nicht möglich, ungeplant ein solches Festmahl aus dem Boden zu stampfen. Die Maschine bedankt sich mit einem wohligen Seufzer. - Das Ende des Selbstreinigungsprogramms, kommentiert Carlos.

Nicht zu vergessen die lustige spanische Musik im Hintergrund, mischt sich Vera zu Carlos' Linken ein, worauf dieser sich mit einem Lächeln und einem freundlichen Kopfnicken bedankt. Die Tarantella sei ja eigentlich ein italienischer Tanz, bemerkt Gabriel unbekümmert zu Veras Linken, was Vera mit einem Zischlaut quittiert. Gabriel solle seine Weisheiten lieber für sich behalten. Heinz versucht zu schlichten, sein Bandoneon sei derartig verstimmt, dass man gar nicht sicher sein könne, ob es sich um eine Tarantella gehandelt habe oder um irgend etwas Spanisches.

Am anderen Ende der Tafel stimmt Oma Phil überraschend eine glühende Lobeshymne auf die ihr gegenüber sitzende Gerda an, die von dieser verwundert aber beglückt aufgenommen wird, von der sich die neben Oma Phil siztende Mona jedoch vollkommen überrumpelt fühlt. Wie wenig sie doch von der großen Wichtigkeit ihrer Tochter geahnt hatte, ihre Verlässlichkeit, ihre Hilfsbereitschaft, ihr Verantwortungsgefühl, ihre glückliche Hand im Umgang mit Tieren. Wie sie mit dem großen Hund, dem Rex, fertig geworden sei. Ungeachtet iher eigenen Not habe sie Hund und Esel nicht im Stich gelassen. Wenn ein Tier einmal nicht so wolle, wie es solle, dann müsse man nur Gerda rufen, ihm etwas ins Ohr zu flüstern, dass alles auf einmal ganz leicht werde.

Gerda betrachtet die neben ihr schmollende Lotta und schräg gegenüber die bestürzte Mona. Ja, die Tiere, das sei leicht, erklärt sie, aber die Menschen, die Menschen seien schwer. Sie sähen Gerda nicht, sie hörten Gerda nicht, und dann brauche sie Lotta. Sie müsse es Lotta sagen und die sage es den Menschen und die machten dann, was Lotta ihnen sage. Ohne Lotta sei Gerda gar nichts. Oma Phil habe wohl ein wenig übertrieben.

Im Gegenteil, erwidert Lotta, Oma Phil habe das Wichtigste vergessen, nämlich den Heldenmut. Dass Gerda ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt habe um Lottas Leben zu retten und man sie also mit Fug und Recht einen großen Helden nennen müsse.

Mona versteht die Welt nicht mehr. Ihre Tochter muss wohl etwas ganz Schlimmes erlebt haben und sie, die Mutter, hat davon überhaupt nichts gewusst. Und das zu ihrer Schande nur, weil sie ihren Rausch ausschlafen musste. Zur Beruhigung kann ihr jetzt nur noch ein weiteres Glas von dem guten Kräuterlikör helfen.