Epilog: Gerda

Im Dämmerlicht der Kerze

Hauptperson, Singulär

lässt Gerda sich die Dinge, die sie hier im Stall gefunden hat durch den Kopf gehen. Es müsste sich doch ein besseres Geschenk für Maria und Joseph finden lassen, über das sich die beiden sehr freuen könnten. Weihrauch, Myrrhe und Gold gibt es hier zum Glück nicht.

Der Joseph war Zimmermann, der würde sich bestimmt über den schönen Zimmermannshammer freuen, den Gerda in einer der Kisten gesehen hat. Ein feiner Hammer, mit Stahlrohrstiel, magnetischem Nagelhalter und rutschfestem Kunststoffgriff. So einen Hammer hat der Joseph sicher noch nie gesehen, da geht die Arbeit gleich nochmal so flott von der Hand.

Dazu die schönen glatten Nägel, Drahtstiffte heißen die, 80, 120, 160 Milimeter. Joseph kannte ja nur diese krukeligen Schmiedenägel, der würde Augen machen. Gerda hätte nicht übel Lust, gleich mal ein paar Nägel ins Holz zu schlagen, einfach so aus Spaß. Am Gewerketag war sie sehr gut darin. Aber Zimmermann könnte sie nicht werden, dazu müsste sie schwindelfrei sein. Außerdem will sie Tierarzt werden.

Ja, das will sie. Gerda will überhaupt nicht sterben.

Wenn nur die Sache mit Lotta nicht wäre.

Ach, Lotta. - Lotta könnte das gut, da oben auf den Dächern herumturnen, die Balken richten, die Latten annageln. Sie versteht sich so gut mit Bäumen, mit Holz. Lotta als Zimmermann, in dieser schicken Zimmermannskluft, die Knöpfe müssten natürlich aus Gold sein, passend zu ihrer Haut und ihren Haaren.

Ach, wenn Lotta nur nicht so sprunghaft, so unstet wäre. Länger als drei Tage würde sie wohl kaum bei der Sache bleiben. Sie braucht ja auch keinen Beruf. Der Carlos ist so reich, dass sie ihr ganzes Leben lang nicht arbeiten muss.

Ihr ganzes Leben - sie hat doch ihr ganzes Leben noch vor sich.

Lotta schwimmt und taucht wie ein Fischotter, flussabwärts vom Hafenrand zum Koppelberg, ein Leichtes für sie, ein Sommervergnügen. Aber doch nicht jetzt, in dieser Drecksbrühe, das ist so falsch, das machen nur Selbstmörder.