Epilog: Gerda

Die Kinder kommen um Drei

Hauptperson, Singulär

Die Kinder, das waren Lotta und Kai. Gerda gehörte nicht dazu. Sie galt nicht als Kind. Sie hat ja mitgeholfen, alles vorbereitet, die Plätzchen gebacken, den Adventskranz gebunden, die Stube geschmückt, Sterne gebastelt, Kerzen aufgestellt. Jeden Sonntag im Advent. Um Drei. Kai kam pünktlich auf Gongschlag. Lotta war immer zu spät. Sie musste sich zu Hause erst loseisen. Und dann musste Kai wieder nach Hause gehen, bei Vera anrufen, Bescheid sagen, dass Lotta bei Gerda sei. Heinz und Kai hatten Telefon, Mona und Gerda nicht. Dann wurden die Kerzen angezündet, das Licht ausgeschaltet und Advent gefeiert. Mit leuchtenden Augen haben sie um den Tisch gesessen, bei heißem Kakao und bunten Weihnachtsplätzchen, und Weihnachtslieder haben sie gesungen und Mona hat Weihnachtsgeschichten vorgelesen. Dabei waren sie alle Heidenkinder. Keiner von ihnen war getauft, auch Mona nicht. Lotta hat so schön gesungen, Stille Nacht, die ganz hohen Töne. Ach, Lotta.

Am nächsten Tag hat Kai sich immer geschämt, da war ihm alles verkehrt. Was für ein Kinderkram das sei, die Geschichten, die Lieder. Kinderkram, aber er war doch ein Kind. Ob der Kakao sauer war, oder die Plätzchen bitter, hat Gerda gefragt. Nein, nein, die waren gut, nur deshalb sei er gekommen. Na, immerhin. Dabei stand ihm die Seligkeit ins Gesicht geschrieben.

Leider kann der hochbegabte Kai manchmal außerordentlich schlau sein und zur selben Zeit auf besondere Weise dumm. Mit seinem Verstand hat er alle Wunder auseinandergeflückt, falsche Voraussetzungen, logische Widersprüche, peinliche Gefühlsduselei, das waren seine Worte. Dumm nur, dass sein Verstand hier völlig fehl am Platz war.

Die Geschichten, die Lieder sind Gefäße aus denen man Seligkeit trinken kann, wie Wasser aus einem Glas. Sie mit dem Verstand zu begreifen ist ungefähr so, als wolle man Wasser mit Messer und Gabel essen. Das Glas zerbricht, die Seligkeit fließt davon. Und was macht Kai? Legt einen Schneeball auf den Teller und fängt an, ihn mit Messer und Gabel zu essen: So etwa, meinst du? Ach, Kai, dummer Kai, du hast überhaupt nichts begriffen.