Epilog: Gerda
Hauptperson, Singulär
Unser Haus, das war natürlich viel schöner als das Exil. Viele Kammern zum Rumtoben, der große Garten, der Spielplatz. Unser Haus, von Anfang an.
Was Carlos sich einbildet, er habe das Haus Lotta geschenkt, zum sechszehnten Geburtstag. Das war auch Gerdas sechszehnter Geburtstag. Lotta und Gerda sind Schwestern, das Haus gehört allen. Und Carlos ist auch Gerdas Vater, und Oma Phil ist auch Gerdas Oma Phil. Vera ist ein totaler Reinfall, als Mutter für Lotta und für Gerda sowieso. Die Mutter, beider Mutter, das war Mona.
Mona hat sich immer gefreut, wenn Lotta zu Besuch kam. Vera dagegen, kaum dass sie Gerda mal gegrüßt hat. Was kann denn Gerda dafür, dass Mona und Vera sich zerstritten haben?
Worum es dabei ging, weiß Gerda bis heute nicht. Mit Gerda konnte es aber nichts zu tun haben. Gerda war so ein absurd artiges Kind, dass es schon fast peinlich war. Das war Lottas Meinung. Umgekehrt hätte es für Mona gute Gründe gegeben, Gerda den Umgang mit Lotta zu verbieten, wenn man bedenkt wo sie Gerda überhall mit hingeschleppt hat, auf ihren Exkursionen. Aber Mona hat nie etwas gesagt, sie hat Lotta immer vertraut, immer. Der Streit ging nicht von Mona aus.
Ob Mona silberne Löffel geklaut hat? So viel kriminelle Energie würde Gerda ihrer Mutter gar nicht zutrauen. Und sie kann sich auch nicht vorstellen, dass Vera sich große Gedanken um ihre silbernen Löffel macht. Vera konnte wohl auch nicht gut mit Geld umgehen und hat darum das Hotel verloren. Carlos hat dann das Haus gekauft und sich gleich in Vera verliebt und sie auch geheiratet. So blieb alles in der Familie.
Nur Oma Phil, die jammert immer noch. Der Carlos habe ihr das Haus genommen und dann auch noch die Tochter. Angeblich ist sie dann aus dem Haus gezogen und hat drei Jahre lang oben auf dem Berg im Pferdestall gewohnt. Aber das entspringt vielleicht nur Lottas überbordender Phantasie. Jedenfalls hat Carlos dann für Oma Phil die Gebäude auf dem Berg gebaut, die Stallungen mit der Einliegerwohnung, die Reithalle, die Zufahrt, Strom, Wasser, Abwasser, das Grundstück musste ja erst erschlossen werden. Und das Gelbe Haus hat er komplett renoviert. Vorher hat er das ganze Gebäude um einen Meter anheben lassen, um es für die nächsten hundert Jahre vor Hochwasser zu schützen. Ein großes Spektakel soll das gewesen sein. Keine Ahnung, wie viele Millionen Taler Carlos in den Koppelberg gesteckt hat, aber Oma Phil jammert weiter, immer wieder, das Haus, die Tochter, buh, huh, huh.
Und dann kamen Lotta und Gerda. Am selben Tag, in derselben Geburtsklinik. Mona wusste nicht wohin, Vera brauchte einen Kinderpfleger, Mona war entsprechend ausgebildet, so wurden die beiden Frauen sich einig, und Lotta und Gerda wuchsen zusammen auf. In Unserem Haus. - Bis es zum Bruch kam, da waren die Kinder vier Jahre alt.
Mona ist Gerdas einzige Verwandte, von ihrem Vater weiß sie nichts. Aber Gerdas Familie, Gerdas heimliche Familie, das sind Carlos und Mona und Lotta. und Oma Phil. Und Vera. Die kann Gerda nicht ausschließen. Immerhin ist sie Lottas leibliche Mutter und Oma Phils leibliche Tochter.
Seltsamer Zufall, dass Kai auch am selben Tag geboren wurde, auch in der selben Klinik. Nur dass Kais Mutter bei der Geburt gestorben ist. Am besten wären Heinz und Kai gleich mit in Unser Haus gezogen, aber Vera wusste natürlich nichts von dem Unglück, so etwas erzählt man ja keiner Frau, die kurz vor der Entbindung steht. Heinz und Kai gehören auf jeden Fall auch dazu. Heimlich. »Ja, und du natürlich auch, mein Rex. Und Maunz. Und du mein Eselchen.«
Dann kam die Schule. Gerda in die Armenschule, Lotta in die Reichenschule, aber nicht mit Lotta. Die hat den Aufstand geprobt. Klein, wie sie war, ist sie in die falsche Schule gegangen, hat sich neben Gerda gesetzt und protestiert. Gerda sei ihre Schwester und also müssten sie in dieselbe Schule gehen. Lotta war sechs. Kinder in dem Alter müssen normalerweise zur Schule begleitet werden, damit sie den Weg finden und sich nicht verlaufen. Lotta hatte dagegen schon damals einen unglaublichen Orientierungssinn, als sei sie mit einem Stadtplan im Kopf geboren worden. Sie wusste immer schon, wo alles war, kannte alle Schulen, alle Kirchen, alle Geschäfte. Am Ende mussten sie Lotta ummelden und Gabriel sollte sie jeden Tag mit dem Wagen zur Schule fahren. Aber Lotta war meistens schon vorher losgelaufen und hat Gabriel die lange Nase gezeigt.
In der Schule haben Lotta und Kai dann zueinander gefunden. Oder besser, sie sind aneinander geraten. Philosophische Streitgespräche auf dem Schulhof, über Gott und die Welt, wo Gerda nur Bahnhof verstand. Lotta und Kai, altkluge Philosophen, unsere Wunderkinder.
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