Epilog: Gerda
Hauptperson, Singulär
Gerda lässt sich im Schneidersitz auf dem Kissen nieder, wickelt sich in die Wolldecke ein und plaziert die Handlampe in Griffweite neben sich. Anstelle des Notlichts zündet sie die Kerze an. Das ist zwar brandgefährlich, aber Gerda möchte es gern gemütlich haben. Da sitzt sie nun, im Kerzenlicht mit leuchtenden Kinderaugen und mümmelt ihr Kaffeebrot. Und dann erkennt sie plötzlich, wie gut es ihr geht. Wie warm ihr ist, wie lecker das Kaffebrot. Wie schön! Das ist ja, wie Weihnachten.
Bethlehem. Die Insel Bethlehem. Gerdas Insel. Das ist Bethlehems Stall. Der Esel, die Krippe, ein Krippenspiel. Der Esel, ein richtiger Esel. Der kann sich selbst spielen. Und die Rolle der Ochsen. Professor Rex kann die Schafe spielen. Der Hund hebt den Kopf und schaut Gerda empört an. Die Schafe! Gibt's denn keinen Hund in der Geschichte. Hat Gerda laut gedacht oder kann der Hund Gedanken lesen? An einen Hund kann sie sich nicht erinnern. Ganz sicher haben die Hirten einen Hund dabei gehabt, einen Hütehund. Die Rolle gefällt Rex bestimmt besser. Überhaupt, die Hirten, die muss Gerda selbst spielen. So etwas wie ein Hirte ist sie ja hier tatsächlich. Und die Engel. Das wäre die Paraderolle für Lottas Gabriel. Der könnte das Gotteslob in 3000 Sprachen singen. Ist ja leider nicht hier. Na ja, das bleibt dann wohl auch an Gerda hängen. Und Maria und Joseph und das Jesuskind. Später auch die heiligen Dreikönige, all die Menschen kann nur Gerda spielen. Ob die Heuraufe als Krippe durchgeht? Wenn mal bloß das Jesuskind nicht unten durch fällt.
»Miau!« - »Ach, Maunz, bist du genug herumgestromert? Na, komm.« Gerda stellt den Teller auf den Tisch und lässt die Katze auf ihren Schoß, »Willst du das Jesuskind spielen?« Ob das dem lieben Gott gefällt, wenn ein schwarzes Kätzchen das Jesuskind spielt? Und dazu noch eines mit nur einem Auge? Hm, Also, wenn der liebe Gott wirklich ein lieber Gott ist, dann liebt er alle seine Geschöpfe, auch schwarze Kätzchen, besonders die mit nur einem Auge. Der Jesus war ja auch noch ein Baby, viel mehr als Miau konnte der auch nicht sagen. Außerdem führt Gerda hier die Regie. »Keine Angst, mein Kätzchen, der grimmige Koppelbergkrieger beißt auch dem lieben Gott die Hand ab, wenn der böse wird.«
Gerda schenkt sich noch eine Tasse Tee ein, der hat jetzt gerade die richtige Temperatur. Sie könnte auch noch einen Schuss Rum dazu tun. Sie hat im Regal nämlich auch eine Flasche Rum und eine Flasche Likör gesehen. Guten Likör, nicht so einen billigen Fusel, wie ihn Mona immer trinkt. Aber lieber nicht. Bei Alkohol fängt Gerda immer an, wirres Zeug zu reden. Was soll der Hund dann von ihr denken. Am Geburtstag hat sie zum ersten mal Sekt getrunken. Das war wohl zu viel und sie hat wirres Zeug geredet, Lotta habe ihr Kai weggenommen. So ein Unsinn. Lotta und Kai, die passen eben gut zusammen, die haben einander etwas zu sagen, da kommt Gerda nicht mit. Außerdem, wenn, dann war es ja umgekehrt. Ach, Lotta.
Gleich fängt Gerda wieder an zu weinen. Das darf sie nicht, nur nicht weinen, sie weiß ja gar nichts, sie muss weiter hoffen. Gerda braucht viel Kraft, morgen oder übermorgen, wenn das Wasser abgelaufen ist, wenn die Wahrheit ans Licht kommt. Also keinen Rum, keinen Likör, was sie braucht ist ein kräftiger Schluck Seligkeit.
An die schöne Zeit denken, mit Lotta und Kai. Die beiden konnten sich ja am Anfang nicht leiden. Uh, was macht denn der blöde Junge da bei Gerda. Uh, was kommt denn da für ein blödes Mädchen zu Gerda. Damals war Gerda sehr beliebt. Gleich, nachdem Mona und Gerda ins Schwimmhaus gezogen waren, kam Lotta fast täglich dorthin, Gerda besuchen. In ihrem Exil, so hat sie es genannt. Ein weiter Weg für ein kleines Mädchen. Lotta und Gerda waren ja noch nicht einmal fünf.
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