Epilog: Gerda
Hauptperson, Singulär
Die gelben Stiefel, die blaue Hose, das grüne Hemd. Die rote Zipfelmütze liegt auch noch irgendwo im Regal. Fehlt nur noch der grimmige Blick. Ach Lotta, was ist dir nur in den Kopf gestiegen? - Gerda wendet die blitzende Schneide ihrer Stirn zu und überlegt, ob es möglich ist mit so einer Axt sich selbst den Schädel zu spalten. Sie müsste wohl eher die Axt mit einem Nagel durch das Loch im Stiel an die Wand nageln und sich so eine Art Fallbeil bauen.
So ist das also: das Haus eines Gartenzwergs, eines Riesenzwergs, des Koppelberkriegers. Der will hier wohl seinen Campingurlaub verbringen. Vielleicht will er einen Garten anlegen, hier mitten auf der Wiese. Spaten, Schaufel, Harke. Aber wozu braucht er die Säge und die Axt, da kann man ja ganze Bäume mit fällen.
Am anderen Ufer, der Wald. Ein Boot, bestimmt hat er ein Boot. Dann kann er hinüber fahren, durch den Wald spazieren, Bäume fällen. Über den Fluss ist der Stall auch viel leichter zu erreichen, leichter als über die Wiesen.
Gerda muss auch damit rechnen, dass der Riesenzwerg demnächst hier auftaucht und nach seinem Esel schaut. Er wird ja das arme Tier nicht so alleine hier im Stall zurücklassen wollen. Andererseits kann man nicht wissen, wie es ihm im Hochwasser ergangen ist, ob er überhaupt noch lebt.
Gut, dass Gerda sich um alles kümmert. Hoffentlich ist er nicht so ein grimmiger Kerl, wie Lottas kleiner Gartenzwerg. Wäre ja noch schöner, wenn er sich am Ende beschweren würde, dass Gerda sich in ihrer Not an seinen Vorräten zu schaffen gemacht hat. Vielleicht sollte sie die Axt bereit halten.
Egal, fürchten muss sie nichts. Schließlich ist sie es doch, die als gefährlich verschrien ist. Sie hat schon so manchen Leuten die Hand abgebissen, passt bloß auf! Und dann hat sie auch noch einen ziemlich großen Hund, der den Leuten das Fürchten lehrt.
Das Wasser kocht schneller als gedacht. Gerda füllt die Hälfte in den Teekessel und gießt in einer Emailetasse einen Beutel Tee auf. Sie sehnt sich nach etwas heißem im Bauch. Mit dem restlichen Wasser kocht sie eine ordentliche Portion Nudeln. Nach geschätzten zehn Minuten gießt sie das Wasser ab und stellt den Topf zum abkühlen auf das Dach. Sie hofft, dass sie den Hund damit füttern kann. Dazu macht sie noch eine Dose Bockwürste heiß. Die eine Hälfte für sich selbst, die andere für den Hund. Nicht unbedingt das beste Futter und vor allem zu wenig, aber sie weiß sonst nicht, was sie dem Hund geben soll. Eine Jagdflinte hat sie nicht gefunden, sonst würde sie ein paar Enten schießen. Die Hundewürstchen kommen zum abkühlen zu den Nudeln aufs Dach. Über ihre eigene macht sie sich sofort her. Sie ist hungrig von der vielen Arbeit. Eine große Dose Erbsensuppe bildet den Abschluss für ein reichliches Mittagsmahl am Abend. Nicht, dass sie noch vom Fleisch fällt.
Nach dem Essen fühlt Gerda sich müde und satt, aber sie kann sich noch nicht zur Ruhe setzen. Der Hund muss noch versorgt werden und sie muss noch aufräumen. Draußen ist es bereits dunkel, Gerda stellt die Handlampe auf Scheinwerfer, dreht den Hebel auf Weitwinkel und hängt sie an einen Haken über dem Eingang. Sie holt das inzwischen abgekühlte Hundefutter vom Dach, häuft es auf einem flachen Teller an und ruft den Hund herbei: »Rex, hier, lecker, lecker.« Rex ist nicht überzeugt. Die Würstchen sind schnell verschlungen, aber die Nudeln machen ihn misstrauisch. Er braucht eine Weile bis schließlich der Hunger obsiegt. Gerda hätte ihm lieber etwas besseres angeboten, aber ihr fällt nichts ein.??>
Was macht sie mit dem schmutzigen Geschirr? Sie geht mit der Lampe zurück in den Stall und sucht nach Spülmittel oder wenigstens einem Stück Seife. Da sie nichts findet, füllt sie einen Eimer mit Wiesenwasser und legt alles Geschirr hinein, damit es wenigstens nicht antrocknet. Ist ja alles Edelstahl und kann nicht rosten. Sie lässt den Eimer draußen stehen um sich morgen darum zu kümmern. Sie kocht noch drei Beutel Tee direkt im Teekessel auf, dann stellt sie den Gaskocher zurück ins Regal. Dort findet sie Putzzeug für den Esel und nutzt die Kardätsche für ihre eigene Haarpflege. Na ja, mit Läusen und Flöhen muss sie rechnen. In einem Anfall von Trotz zieht sie sich noch die rote Zipfelmütze über beide Ohren, so ist die Verkleidung perfekt. Wenn schon, denn schon. Dann ruft sie den Hund herein und platziert ihn auf seinem Lager.
Im Werkzeugkasten findet sie eine Stumpenkerze und eine Schachtel Zündhölzer. Gerda füllt heißen Tee in eine Tasse, legt drei Scheiben Kaffeebrot auf einen kleinen Teller, von jeder Sorte eine, und legt sich alles zusammen mit der Kerze und den Zündhölzern auf dem improvisierten Tisch zurecht. Weil sie den fehlenden Türanker nirgends finden kann, holt sie zwei weitere Wolldecken vom Regal, verhängt mit der einen den Türeingang, In die andere will sie sich einkuscheln, ein Schutz vor Zugluft.
»Miau!« sagt die Katze. »Ach, Maunz, hab ich dich ganz vergessen?« die Katze schleicht um den Tisch herum. Im Maul trägt sie eine tote Maus, die sie Gerda vor die Füße legt. Gerda muss lachen. »Oh, hast du mir was Leckeres mitgebracht?« Dass es hier Mäuse gibt, war ja klar. Gerda ist angenehm überrascht, dass die Katze mit einem Auge noch in der Lage ist eine Maus zu fangen. Umso besser. Sie fasst die Maus mit spitzen Fingern am Schwanz und befördert sie mit einem kurzen Wurf nach draußen. Die Katze hinterher, schnappt sich die Maus und verschwindet hinter dem Stall. Professor Rex wendet sich ab und legt beleidigt den Kopf zur Seite. Er kriegt natürlich wieder nichts ab.
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