Zweites Buch: Lotta
Dialog, Präsens
Haus Koppelberg, Gabriel.
Hallo, bin ich richtig bei Familie Hausmeister?
Familie, Hausmeister, ja, wer spricht da?
Kann ich bitte Herrn oder Frau Hausmeister sprechen?
Frau Hausmeister, ja, aber wen darf ich melden, wer spricht da?
Entschuldigung, können sie mir bitte Frau Hausmeister an den Apparat holen, es ist wichtig, es geht um ihre Tochter.
Um Lotta? Ja, aber, Sie wollen mir nicht sagen, wer Sie sind?
Also, um ehrlich zu sein, lieber nicht. Ich muss unbedingt mit Frau Hausmeister persönlich sprechen. Es geht um ihre Tochter, das muss ihr doch wichtig sein.
Einen Moment. ... Vera, kommst du mal ans Telefon,
...
Irgend ein Unbekannter, angeblich wegen Lotta.
Lotta, was ist mit Lotta?
Weiß nicht. Komm doch mal an den Apparat, vielleicht verrät er's dir. Mir will er nichts sagen.
... Veronica Hausmeister, ja, ja, ich bin die Mutter. Wer spricht da? Was ist mit Lotta?
Machen Sie sich keine Sorgen, sie ist hier, sie ist sicher.
Sicher? Was soll das heißen? Moment. Lotta! Lotta! Gott sei dank, da bist du ja. Komm bitte mal rein, zur Mama. Komm her. ... Komm in meine Arme. Oh, du bist schwer geworden. Bald kann ich dich nicht mehr tragen. Und ganz grün bist du wieder. Mein kleines Eichhörnchen, du sollst doch nicht immer in den Bäumen herumklettern. Irgendwann stürzt du ab und brichst dir sämtliche Knochen. ... Hallo! Hören Sie! Meine Tochter Lotta sitzt hier bei mir auf dem Arm und ich mache mir durchaus Sorgen, weil sie sich offenbar einbildet, ein Eichhörnchen zu sein, und mir eines Tages droht, vom Baum zu fallen. Abgesehen davon geht es ihr gut. Aber sicher ist so ein Kind nie. Was also soll das? Sie sei bei Ihnen und sicher? Wollen Sie mir Angst machen? Soll das ein Scherz sein? Wer sind Sie überhaupt?
Ich bin sicher, Mama, ich bin sicher.
Still, sei nicht so vorlaut Lotta. Die Mama muss telefonieren.
Hi, hi, hi. Du sprichst so komisch.
Ich spreche komisch?
Ja, so, als ob du jemand anders wärst.
Was meinst du?
Na, du sagst, die Mama muss telefonieren. Als ob ich zu dir sage, die Lotta muss jetzt erstmal was sagen.
So sprechen Erwachsene nun mal mit Kindern.
Mit kleinen Kindern. Mit Babys. Aber die Lotta ist kein Baby mehr. Und die Lotta muss jetzt unbedingt etwas sagen, hi, hi, hi.
Oh, Lotta, was musst du sagen?
Also, was du sagst, Mama, ist falsch.
Was ist falsch?
Na, ich stürze nicht ab.
Meine kleine Schlaumeise, sei dir nicht so sicher, Hochmut kommt vor dem Fall.
Ich bin überhaupt nicht mutig. Ich weiß nur, dass ich nicht fallen kann.
Was macht dich so sicher?
Na, die Bäume. Die Bäume sind meine Freunde. Und die haben mir gesagt, dass sie mich nicht fallen lassen.
Die Bäume haben es dir gesag? Das Rauschen in den Blättern?
Quatsch, Rauschen. Sie habens meinen Füßen gesagt, Und die habens mir gesagt. Ich kann nicht fallen. Nie, nie, nie! Kannst du glauben.
So, kann ich das? Wenn das so einfach wäre. Wo hat das Kind bloß die Phantasie her. Die Bäume.
Das war alles.
Wie, alles?
Alles, was die Lotta sagen musste, hi, hi, hi. Jetzt kann die Mama weitertelefonieren.
Ach ja, wie nett von dir. Entschuldigung, das war Lotta. Sie ist ein kleines Plappermäulchen. Sind Sie noch dran? Sie haben mir noch nicht gesagt, wer Sie sind.
Lotta ist ein Kind?
Ein vierjähriges, ja.
Eine große Schwester hat sie nicht?
Lotta ist mein einziges Kind. Hören Sie, was soll das, was wollen Sie.
Tut mir leid, ich bin jetzt etwas verwirrt. Es ist nämlich so, dass hier bei mir eine junge Dame aufgetaucht ist, ein Mädchen, Jugendliche, sechszehnjährige, die gerne Lotta genannt werden möchte, tatsächlich, laut Ausweis, hört sie aber auf den schönen Namen Karola Philippa Dolores Hausmeister, geboren am 1. April, vor 16 Jahren, wohnhaft Koppelberg 1. Ich hatte sie mehrfach gebeten, selbst bei ihren Eltern anzurufen, ein Lebenszeichen zu geben. Aber sie weigert sich inständig, daher mein Anruf. Wenn sich die Sache jetzt so herausstellt, dann tut es mir natürlich leid, Sie belästigt zu haben.
Der Name.
Karola Philippa Dolores Hausmeister.
Das ist tatsächlich ihr richtiger Name, der amtliche. Das weiß kaum jemand. Wir haben sie immer nur Lotta genannt. Die Adresse stimmt auch, und das Datum, bis auf die Jahreszahl. Sie sagten, das Mädchen hat einen Ausweis?
Ja.
Eine Fälschung. Ich fürchte, Sie sind einem Hochstapler aufgesessen.
Hochstaplerin, ja, das wird es wohl sein. Nochmals nichts für ungut, und noch einen schönen Nachmittag, auf Wiederhören.
Einen Moment, Wenn Ihre Lotta auch nicht meine Lotta ist, fühle ich mich doch betroffen. Immerhin hat sich jemand der Identität meiner Tochter bemächtigt. Das hat schon etwas Bedrohliches. Was werden Sie unternehmen?
Also, ja, was unternehmen? Ich weiß es nicht, ich bin da in einer etwas schwierigen Lage. Die Dame ist schon eine ganze Weile hier, und da sie nicht volljährig ist, kann ich meine rechtliche Position nur schlecht einschätzen. Ich möchte ihr auch nicht in den Rücken fallen, schon dieser Anruf ist in der Hinsicht problematisch.
Problematisch? Die Dame ist kriminell, Urkundenfälschung, Identitätsdiebstahl. Da erübrigt sich jede Rücksicht. Gehen Sie zur Polizei, bringen Sie den Fall zur Anzeige.
Sie meinen? Die Polizei möchte ich eigentlich vermeiden.
Hören Sie, ich weiß nichts von Ihnen, aber wenn Sie so um Ihre rechtliche Position besorgt sind, dann frage ich mich natürlich, was Sie mit dem Mädchen angestellt haben. Sie sagten, sie sei sicher bei Ihnen, wo liegt dann das Problem?
Ich habe mit dem Mädchen nichts angestellt. Ich habe ihr geholfen. Aber man gerät ja sofort in Verdacht. Darum bleibe ich lieber anonym. Es ging mir nur darum, Sie zu benachrichtigen. Das war dann wohl ein Fehler.
Ein Fehler war das nicht. Ich will Sie auch nicht verdächtigen. Im Grunde bin ich dankbar für den Anruf. Ich will wissen, was da im Namen meiner Tochter geschieht.
Schön, das zu hören. ... Was tun? Zur Polizei? Ich weiß nicht.
Es wäre für uns alle das Beste.
Für uns alle?
Für mich, für Lotta, für das Mädchen und für Sie. Sie können doch gar nicht wissen, was diese Kanaille mit Ihnen vorhat.
Kanaille?
Ja, Kanaille, so nenne ich sie. Eine Dame ist diese Dame jedenfalls nicht. Und mit der Polizei, warten Sie nicht zu lange, Sie reiten sich nur immer tiefer in den Sumpf.
Reiten?
In den Sumpf reiten, das sagt man so, in Teufels Küche geraten. Reiten. Ein Pferdemädchen.
Pferdemädchen?
Ja, ich frage mich die ganze Zeit, wer sie sein könnte, die Kanaille, die Dame, diese Person, die so etwas tut. Vielleicht eines der Pferdemädchen. Sozial benachteiligte Jugendliche, die sich hier auf dem Reiterhof ein Taschengeld verdienen. Ich werde mich mal erkundigen, ob da eine abgängig ist. Wenn ich wüsste, wie ich Sie erreichen kann, Sie wollen mir nicht sagen, wer sie sind?
Der Ausweis, der wirkt schon sehr echt, eine extrem gute Fälschung, wenn er gefälscht ist.
Der ist gefälscht. Lotta ist vier, Und eine zweite Lotta gibt es nicht. Gehen Sie zur Polizei. In Ihrem ureigensten Interesse. Und dem Mädchen ist auch geholfen, falls Sie da noch irgendwelche Sympathien hegen. Die ist jung, fällt unter Jugendstrafrecht, da sind Hopfen und Malz noch nicht verloren.
Ja, das wird wohl das Beste sein. Entschuldigen sie die Störung, noch einen schönen Nachmittag, Auf wiederhören, und danke für den guten Rat.
Dafür nicht, ist ja in meinem Sinne. Danke Ihnen für den Anruf. Und wenn Sie mir ihren Namen schon nicht sagen wollen, dann melden Sie sich wenigstens wieder, wenn sich etwas ergeben hat. Auf wiederhören.
Auf! Wieder! Hören!
Lotta, sei still.
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