Zweites Buch: Lotta
Zweite Person, Singular
Was ist sie eigentlich, wenn du ihr Schöpfer bist. ... Nicht deine Tochter. ... Dein Geschöpf, das wagst du nicht. ... Irgendetwas dazwischen. ... Weniger bestimmt, mehr im Vagen. ... Dein Mündel.
Dein Mündel, du hast tatsächlich dein Mündel gesagt, Lotta sei dein Mündel. Dabei ist es doch offensichtlich sie, die dich bevormundet. Auf ihren Wunsch bist du hier. Weil sie es so wollte. Hat angeblich Angst, sie ginge verloren, wenn du sie nicht im Auge behälst. Obwohl du es nicht wolltest. Du hättest ja auch schwimmen können. Sie hat es dir nahegelegt, du solltest schwimmen, das sei gesund. Bewegung ohne die Gelenke zu belasten. Es gibt auch Schwimmanzüge für Männer, wenn du dich schämst, wegen deiner Korpulenz. Schau, da sind auch andere Männer, die machen sich auch nichts daraus. Oder auch, die Frauen, stört sich doch keine daran, dass sie wie die schöne Helena gebaut ist. Oder selbst ich, schau mich an, bin ich denn die Schönste im Land.
Die ganze Zeit hast du dich nicht wohl gefühlt hier. Ein einsamer alter Mann, ein Spanner, der den kleinen Mädchen beim Schwimmen zuschaut. Oder den kleinen Jungen, auch. Der hier nichts verloren hat. Das hier ist für Mütter und Väter, die ihren Kindern zuschauen, auf sie warten. Irgendwann musste es so kommen, eine besorgte Mutter, es gab Beschwerden, man hat dich beobachtet, die letzten Tage. Man legt dir nahe, zu gehen. Weshalb du hier bist, ob du zu jemandem gehörst, da unten, am Becken.
Ja, zu Lotta. Du gehörst zu Lotta. Es ist dir peinlich, aber es ist doch die Wahrheit. Besser, als gehen und Lotta im Stich lassen. Dass sie verloren geht, angeblich. Was immer sie damit meint, bleibt dir ein Rätsel.
Lotta. ... Sie ist. ... Deine Tochter. ... Deine Nichte. ... Großtochter, Großnichte wohl eher. ... Nein, nein, das wäre gelogen. ... Die Wahrheit, dein Geschöpf, nein, nein, das ist ihre Wahrheit, die darfst du dir nicht zu eigen machen. ... Einen Rest Selbstrespekt bewahren. ... Sie ist deine. ... Deine. ... Dein Mündel.
So. Jetzt ist es raus. Fragende Gesichter. Lotta? Mündel? Allein dieses Wort. Was soll das? Das glaubt dir kein Mensch. Du zu Lotta? Lotta zu dir? Zu dir, diesem alten Voyeur, was für eine billige Ausflucht, unglaublich.
Unsere Lotta, die Turmspringerin, die hier jeden Nachmittag ihre Schau veranstaltet, millionenfache Salti und Schrauben von 10 Meter Höhe. Und Bauchplatscher. Bauchplatscher, die kein Mensch überlebt. Kein normaler Mensch, nur Lotta. Der Liebling aller Mädchen und Jungen, aller Männer und Frauen. Die staunen und klatschen, jeden Nachmittag, im Schwimmbad, am Sprungturm. Und du zu Lotta, niemals. Gehen Sie bitte, verlassen Sie das Lokal. Umgehend, oder wir rufen die Polizei.
Beobachtet haben sie dich, ja, aber nicht genug. Wenn sie dich beobachtet hätten, wirklich sorgfältig beobachtet hätten, angesichts solcher Vorwürfe nicht zu viel verlangt, dann hätten sie doch sehen müssen, dass du zu Lotta gehörst. Sie winkt dir ständig zu. Wenn sie auf dem Turm steht. Oder am Beckenrand, auf dem Weg zum nächsten Sprung. Du winkst zurück. Ja, aber nur verstohlen. Zu zaghaft vielleicht, dass sie es nicht bemerkt haben.
Sie ist dir peinlich. Hier, in der Öffentlichkeit. Nein, nicht sie. Sie ist nicht peinlich. Im Gegenteil, du könntest stolz auf sie sein. Aber dein Verhältnis zu ihr. Unklar. Dir vollkommen unverständlich. Du hast nie verstanden, was sie mit dir zu schaffen hat. Was sie von dir will. Vielleicht nur bei dir wohnen, von Zuhause abgehauen, sucht einen Platz zum Schlafen. Aber warum du? Und warum bist du hier? Warum will sie dich hier haben? Sie will nicht verloren gehen. Aber du. Was hat das mit dir zu tun?
Und wo ist Lotta jetzt. Du willst ihr zuwinken, öffentlich, offensichtlich, so dass es jeder sehen kann, diesmal. Aber sie ist nicht da. Verschwunden. Jetzt lässt sie dich im Stich, kennt ja keine Rücksicht. Du würdest ja gehen, gerne würdest du gehen, nichts lieber als das. Aber du kannst nicht. Wegen ihr nicht. Sie braucht dich. Keine Ahnung wofür, aber sie braucht dich. Allerdings, wenn sie jetzt weg ist. Die sind im Stande und rufen tatsächlich die Polizei. Der junge Mann greift schon zum Telefon. Oh, Lotta, was machst du mit mir, was habe ich dir getan.
Ach, da ist sie. Kommt hochgestürmt, direkt vom Becken, gegen alle Vorschriften, triefend vor Nässe. Dein Mündel spricht für dich. Hier, zumindest hier im Schwimmbad genießt sie das größere Vetrauen, allergrößtes Vertrauen, absolutes Vertrauen, alle glauben ihr. Du dagegen bist verdächtig. Bist der Verdächtige. Der Übeltäter. Sie, deine Anwältin, wird böse, wird laut.
He, was soll das, Leute? Lasst ihn in Ruhe. Ja, der gehört zu mir, natürlich. Für den leg ich beide Hände ins Feuer. Mein Schöpfer. Der muss hier bleiben, der muss mich festhalten, ist doch klar. Schon wieder dieser Unsinn, den sie fortwährend verbreitet, als wäre das die natürlichste Sache der Welt.
Doch alle glauben ihr. Lottas Wahrheit kommt an. Verdattert, fragende Blicke, nichts verstanden, zwar, nicht anders als bei dir. Aber sie glauben ihr. Lottas Autorität, hier im Schwimmbad, erworben in wenigen Tagen, lässt keine Zweifel offen. Wenn sie es sagt.
Entschuldigung Lotta. ... Wir wussten nicht. ... Wir müssen dem doch nachgehen. ... Es gab Hinweise. ... Da ist die Verantwortung. ... Da sind die Kinder. ... Wir müssen an die Kinder denken. ... Blicke, beschämte Blicke, ehrfürchtige Blicke, Blicke voll banger Erwartung, alle Blicke gerichtet auf Lotta. Lotta, die Richterin. Barfuß, im Schwimmanzug, triefend vor Nässe.
Und die verkündet ihr Urteil, plädiert für eine gütliche Einigung. Nicht bei ihr, bei dir müssen sie sich entschuldigen. Ein Cocktail aufs Haus, wenigstens. Keine weiteren Belästigungen. Und du, wenn du schon hier oben rumsitzen willst und nicht mit zum Schwimmen kommst, dann winkst du vielleicht mal ordendlich zurück, wenn ich dir zuwinke. So, dass jeder sehen kann, wem du gehörst. Das vermeidet Missverständnisse.
Sechszehn, fast noch ein Kind, angeblich, und hält doch die ganze Welt in der Hand. Spricht weise Worte mit sanfter, dunkler Stimme. Schmiert den Leuten Honig ums Maul. Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.
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