Zweites Buch: Lotta

Nachmittag

Zweite Person, Singular

Wo läuft sie denn hin? Das ist die falsche Richtung.

So warte doch Lotta, wo willst du hin? Ich dachte, wir wollten zum Bahnhof. Warte doch. Nicht so schnell. Du weißt doch, ich kann nicht. ... Lotta!

Dieses unmögliche Kleid. Dieser Schwimmanzug. Die nackten Beine und barfuß. Wie sie rumläuft. Peinlich. Kann sie sich nicht anständig anziehen? Sie hat doch so schöne Sachen. Jeans, T-Shirts, Pullover, Jacken Alles. Und Schuhe hat sie auch. Schöne Schuhe. Teure Schuhe. Und läuft barfuß. Sie ist doch kein Kind mehr, keine 8. Mit 16 ist man schon fast erwachsen. Da läuft man nicht so rum. Nur Schlampen laufen so rum. Kleid, Schwimmanzug, Brustbeutel mit Ausweis. Nur, was sie damals dabei hatte. Warum will sie keinen Koffer. Was sollst du denn mit ihren Sachen anfangen? Altkleiderspende. Anonym. Verkaufen kannst du's nicht. Alter Mann verkauft Jungmädchenkleidung. Ha, ha, ha. Mädchenmörder verkauft Kleidung seines Opfers. Verrückt. Übertreib mal nicht. Sie läuft einfach weiter und du dackelst wie ein Idiot hinterher. ... Du bist langsam geworden. Früher warst du viel flotter unterwegs.

Lotta, warte doch. Lotta!

Sie läuft immer weiter. Hört nicht auf dich. Soll sie doch. Bleib stehen. Bleib du doch einfach stehen. Immer weiter. Schon ziemlich weit weg ist sie. Einholen kannst du sie sowieso nicht mehr. Das willst du auch gar nicht. Geh nach Hause. Selbst schuld, wenn sie nicht hören will. Du weißt doch gar nicht, wo sie hin will. ... Oh, da kommt sie, kommt auf dich zugelaufen. Ein hundert Meter Sprint, barfuß, schnell, kraftvoll, peinlich. Sie kann es nicht lassen. Deine Lotta. Was sollen die Leute denken. Hoffentlich rennt sie dich nicht über den Haufen. ... Da ist sie. Strahlt dich an. Oder lacht sie dich aus?

Was ist denn, kommst du jetzt?

Ja, ich will ja, aber nicht so schnell, du weißt doch, ich kann nicht so schnell, nimm doch Rücksicht.

Entschuldigung, da hab ich nicht dran gedacht. Am Besten gibst du mir die Hand, dass ich dich nicht verlier.

Hand in Hand, wie ein Kind schleift sie dich hinterher. Wie ein Riesenbaby.

Lotta, zieh nicht so. Können wir nicht einfach wie normale Menschen nebeneinander hergehen?

Du meinst, so tun, als wären wir normale Menschen.

Ja, ich meine, nein. Wir sind doch normale Menschen. Ich weiß gar nicht, was du sagen willst.

Ja, du weißt gar nicht. Gar nichts weißt du. Und das Schlimmste ist, du hast überhaupt keine Ahnung, wer du eigentlich bist. Eine Riesenenttäuschung. Meinst du wirklich, das sei normal?

Ach, Lotta, nicht dieses Thema, das hatten wir doch längst hinter uns.

Seit damals hat sie nicht mehr davon gesprochen. Soll das jetzt wieder losgehen? Nicht normal. Wenn hier einer nicht normal ist, dann ist das Lotta. Du weißt schon sehr gut, wer du bist. Aber vor allem weißt du, wer du nicht bist. Nämlich der, für den Lotta dich hält. Das ist nicht normal. Das ist krank. Lotta ist krank. Bricht mit ihren Wahnvorstellungen in dein Leben ein. Hält dich immerfort mit ihren Faxen in Atem. Hält dich von der Arbeit ab. Treibt dich damit leztlich in den Ruin. Guter Vertrag. Den du leider nicht erfüllen kannst. Am Ende, in den Ruin. Und du hast bis heute nicht den blassesten Schimmer, wer sie ist. Was sie von dir will. Was sie davon hat. Ihren Spaß? Festhalten sollst du sie. Gab ja genug Gelegenheit. Gerade jetzt hälst du sie ganz fest. An der Hand. Das reicht wohl nicht. Sie zieht schon wieder.

Lotta, bitte, wo wollen wir hin? Da, der Bus, wir können auch hier einsteigen. Wollen wir denn noch zum Bahnhof?

Komm, darüber. Mach dir mal um deinen Bahnhof keine Sorgen, der läuft schon nicht weg.

Über die Straße, bei dem Verkehr. Wegen ihr kommst du noch unter die Räder. Lebensgefährlich. Wo ein paar Schritte weiter die Ampel ist. Was soll das. Jetzt auch noch auf der falschen Seite, wo die Busse raus aus der Stadt fahren.

Lotta, wo willst du hin. Du musst nicht abreisen. Wenn du willst, kannst du gerne noch bleiben. Es tut mir leid. Ich hab's nicht so gemeint. Ich war wütend und da hab ich. Ich hab was falsches gesagt. Es tut mir leid. Mit dir fertig, das war nicht so gemeint.

Schon lange.

Wie bitte?

Du hast gesagt, du wärest schon lange mit mir fertig.

Ja. Nein. Ich sagte doch, es tut mir leid. Ich weiß nicht. Mit dir fertig. Ich weiß doch gar nicht, ich meine, ich weiß nicht, wie ich mit dir fertig werde. Ich weiß überhaupt nicht, was du erwartest. Was willst du denn? Was soll ich tun? Ich habe keine Ahnung.

Genau. Du hast keine Ahnung. Und ich hab auch keine Ahnung. Du stellst mir Fragen, die ich dir stellen müsste, und die du mir beantworten müsstest. Aber du hast keine Ahnung. Das ist absurd. Das ist krank. Und jetzt komm. Wir müssen weiter.

Weiter, weiter, und wohin? Sag mir doch wenigsten wohin. Wenn ich schon weiter soll, dann will ich wenigstens wissen wohin. Hier geht's nicht zum Bahnhof, das ist der falsche Weg.

Falscher Weg. Du hast keine Ahnung. Es gibt keinen falschen Weg. Alle Wege führen zum Bahnhof. Komm jetzt.

...