Zweites Buch: Lotta
Zweite Person, Singular
Durch den Türspion, kannst du sie gut erkennen. Fischaugenverzerrt, von Kopf bis Fuß immer kleiner werdend.
Oh Schreck, was ist der denn passiert? Die arme sieht ja aus, als sei sie gerade einem Schlammbad entstiegen.
In verschiedenen Konsistenzen ist die ganze Person von oben bis unten mit einer gelblich-braunen Substanz überzogen.
Die Haare verklebt, wie aus Lehm modelliert, eine wilde Haarskulptur.
Und der Rest, die gesamte Erscheinung, als bestünde sie nur aus Wasser und Lehm, flüssigem Lehm.
Im Gesicht die dünne Schicht beginnt in brüchiger Kruste zu trocknen. Dazwischen leuchten, freigewischt, auffallend blaue Augen und ein sehr roter Mund.
Von dem knielangen Kleid, das wie ein nasser Sack an ihr herabhängt, lösen sich Placken zähfließenden Breis. Darunter, die Beine entlang, läuft flüssige Soße zu Boden und sammelt sich in einer klumpigen Pfütze. Dort, wo du klein und fern ihre bloßen Füße im Dreck herumpatschen siehst.
Dieser flehende Blick, sie starrt dich direkt an.
Die junge Frau hampelt unruhig von einem Bein aufs andere und reibt sich die Arme, als ob sie friert. Ihre Lippen zittern, ein jämmerlicher Anblick,
Um zu ihr sprechen zu können, öffnest du die Wohnungstür einen Spalt, soweit es die Türkette erlaubt. Im selben Augenblick, mit einem lauten Schlag, steht plötzlich ihr Fuß in der Tür, die Kette fest angespannt.
»Mach mir auf!«
So frech und brutal. Dabei muss sie dich sehen, müsste doch merken, dass sie hier falsch ist. Die Engel, bestimmt will sie zu Else Engel gegenüber. Könnte eine Verwandte von der sein. Würde passen. Das Verhalten. Der fordernde Ton. Else ist dann wohl nicht zu Hause. Würde sonst schon in der Tür stehen, dich anschreien. Sich bei dir beschweren, dass ihre Nichte so einen Lärm macht. Oder ihre Tochter? Das sähe ihr ähnlich. Steht vielleicht hinter der Tür und lacht sich ins Fäustchen. Wer weiß. Du weißt es nicht. Abwarten, wird sich ja herausstellen.
Der jungen Frau sagst du erstmal die Meinung. Mit gedämpfter Stimme sprichst du sie an, durch den Türspalt, leise aber bestimmt.
»Machen Sie doch nicht so einen Lärm, Sie wecken ja das ganze Haus. Und dann nehmen Sie gefälligst den Fuß aus der Tür. Was soll denn das? Glauben Sie etwa, Sie könnten hier mit Gewalt etwas erreichen? Seien Sie nett und benehmen Sie sich anständig, dann überlege ich mir, ob ich Ihnen helfen will.«
Scheinbar bestürzt über ihr eigenes Verhalten hält sie sich eine Hand vor den Mund, zieht gehorsam den Fuß aus der Tür und bittet leise um Verzeihung.
»Du hast recht, du meine Güte. Entschuldige, entschuldige, tut mir leid. Das wollte ich nicht. Ich wollte niemanden wecken, hab nur nicht dran gedacht. Sei mir nicht böse. Ich will ja nett sein, und auch anständig, ich versuch's ja, versprochen, großes Indianerehrenwort.« Sie lächelt verlegen und hebt im Türspalt unsicher ihre Hand zum Schwur. »Ist doch nur, weil ich's so eilig habe.«
Gutmütig und unbedacht nimmst du ihre Entschuldigung an.
»Also gut. Das sieht ja schlimm aus. Was ist denn passiert?«
»Weiß auch nicht. War nicht so geplant.« Sie zuckt mit den Schultern. »Was ist denn nun, machst du jetzt auf? Lass mich nicht hier draußen stehen!«
Deine Frage hat sie eigentlich nicht beantwortet. Etwas war geplant, ist dann aber misslungen. Was mag das gewesen sein? Du kannst nicht mehr klar denken, müsstest ja auch längst schon schlafen. Dann fällt es dir wie Schuppen von den Augen, natürlich. Eine Schlammringerin. Jedenfalls ist es das, was sie wohl darstellen soll. Da erlaubt sich jemand einen Scherz.
Du wendest dich ab, gehst zurück in die Kammer, sie soll dich nicht lachen hören.
Andererseits. Die Damen im Fernseher haben schönere Beine. Und Kleider tragen sie normalerweise auch nicht, jedenfalls nicht, wenn sie im Dienst sind. Außerdem hast du noch keine so bedauernswert unglücklich gesehen. Sie tut dir richtig leid, die arme. Der sprichwörtliche begossene Pudel. Und wieder musst du lachen, vor Rührung. So kannst du sie unmöglich stehen lassen. Was sie vor allem braucht, ist ein Bad.
Im Fernseher noch immer dasselbe Programm, stummgeschaltet. Du schaltest den Apparat aus. Sie soll nicht sehen, was du dir anschaust. Am Ende fühlt sie sich verspottet. Ihr Zustand kann immer noch ein Zufall sein. Für einen Scherz wirkt sie einfach zu unglücklich.
»Was ist denn nun? Wo bleibst du denn? Mach mir auf! Beeil dich!«
Sie wird schon wieder laut, die kleine Krachmacherin. Versprechen scheinen für sie ohne Belang. Von wegen Indianerehrenwort. Anscheinend hat aber gerade ihre unverschämte Art eine belebende Wirkung auf dich. Du lachst in dich hinein. Einen Moment noch, rufst du ihr in einem Anfall guter Laune zu, ich muss mir nur rasch etwas anziehen.
»Lass den Quatsch, mach lieber schnell auf!« Flötet sie ihren Einspruch durch's Treppenhaus.
Quatsch? Was denkt die sich? Nur weil sie bei dir auftaucht, wie das Monster aus dem Sumpf, sollst du im Nachthemd an die Tür gehen.
In aller Ruhe ziehst du dir deine Kordhose über das Hemd, steigst umständlich in die Pantoffeln, schlurfst ins Bad und schaltest die große Deckenleuchte an. Ein prüfender Blick in den Spiegel. Dein zerzaustes Haar anfeuchten, nach hinten kämmen. Nur keine Eile. Die Badezimmertür lässt du weit offen stehen, als freundlichen Hinweis. Dein Besuch soll gleich wissen, wo es langgeht.
Du überlegst noch, zählst langsam bis zehn. Es gibt Bedenken. Nach Mitternacht. Jemand steht vor deiner Tür, friert, braucht Hilfe, bittet um Einlass, gibt keine Ruhe. Deine Hilfsbereitschaft, deine Menschlichkeit, dein Edelmut, deine Neugier, deine Einsamkeit, deine Hoffnung, der jemand ist eine Frau, dein Leichtsinn, geh nur, und mach ihr auf.
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