Zweites Buch: Lotta
Zweite Person, Singular
Um die Tür zu öffnen, musst du sie erst wieder schließen, sonst kannst du die Kette nicht aushängen. Das musst du ihr erklären, die Frau hat schon wieder ihren Fuß in die Tür gestellt.
»Verstehe, aber wirklich, sei ehrlich, mach auf.«
Du hälst dein Versprechen, ganz ohne Schwur und Ehrenwort, drückst die Tür in die Falle, entfernst die Kette, betätigst die Klinke.
Zum Dank fliegt dir gleich die Tür an den Kopf, du gerätst ins Wanken, musst dich an der Wand abstützen.
»Autsch! Verflucht, passen Sie doch auf!«
Gerangel im Flur, ihre Hände auf deinen Schultern, an deinem Kopf.
»Tut mir Leid, Entschuldigung, Entschuldigung, ist dir was passiert?«
»Ja.« ... »Nein.« ... »Nicht so schlimm.«
Du musst sie abwehren. Das dauert viel zu lange, die verteilt ja den ganzen Dreck im Flur. Sie soll nur schnell ins Bad.
»Entschuldige, ich muss erst mal aufs Klo.«
Damit ist sie im Bad verschwunden. Aufs Klo also, darum die Eile. Das Schließen der Badezimmertür überläßt sie dir, hält sie wohl nicht für nötig.
Bis zehn zählen hilft. Aber nur, wenn der Verstand nicht im Tiefschlaf liegt. Dein eiskalter Verstand, nach dem Schlag ist er wieder hellwach und spricht zu dir im Konjunktiv. Du hättest sie auf keinen Fall hereinlassen dürfen. Du weißt doch gar nicht, wer sie ist, was mit ihr los ist. Vielleicht steht sie unter Drogen, dieses Kristallzeug vielleicht, im ersten Moment ganz umgänglich und kaum drehst du dich um, rammt sie dir ein Messer zwischen die Rippen. Du hättest die Polizei rufen müssen. Die hätte sich um sie gekümmert, hätte sie abgeholt, untergebracht, eingewiesen.
Deine Bedenken kommen zu spät, leider. Überleg dir jetzt lieber, wie du diese Irre wieder los wirst. Aus dem Bad, ein unwirsches Quieken, ein Schrei.
»Hilfe!«
Was hat sie denn jetzt schon wieder?
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