Zweites Buch: Lotta

Berührungen

Zweite Person, Singular

Hat sie um Hilfe gerufen? Du klopfst leise an die Badezimmertür, drückst vorsichtig die Klinke herunter, öffnest die Tür. Nur einen Spalt, um sie nicht zu kompromittieren.

»Was ist denn, kann ich helfen?«, fragst du zaghaft.

Sie reißt dir die Tür aus der Hand, stampft wie Rumpelstilzchen auf dem Fußboden herum, zupft mit den Fingern nervös am Rücken ihres Kleides und flucht.

»So ein Mist! Das kann doch nicht wahr sein! Ich kann mein Kleid nicht ausziehen!« ... »Oh Mann, ist mir das peinlich! Hilfe! Jetzt hilf mir doch endlich. Da muss ein Reißverschluss sein. Am Rücken. Nun mach schon. Schnell!«

Kann sich das Kleid nicht ausziehen. Die spinnt. Wenn da ein Reißverschluss wäre, müsstest du den erst einmal ausgraben. Das ganze Kleid ist ja noch immer vollkommen eingeschlämmt. Sie hat natürlich keine Ahnung, was sie da von dir verlangt, eine hochnotpeinlich Situation. Du willst ihr nicht nahe kommen, willst sie nicht anfassen, kannst niemanden anfassen, dein persönliches Problem. Entweder, du erklärst ihr das jetzt, oder du musst dich überwinden. Zaghaft streichst du mit der Hand über ihren Rücken. In der Mitte. Streifst dir immer wieder den Dreck von den Fingern. Da ist kein Reißverschluss. Auch an den Seiten, nichts. Kein Reißverschluss. Keine Knöpfe. Keine Kordel. Gar nichts. Nicht einmal eine Naht kannst du entdecken. Die ganze Situation, diese erzwungenen Berührungen, belasten dich, schnüren dir die Kehle zu. Außerdem geht ein unguter Geruch von ihr aus, von dem Schlamm. Kurz gesagt, sie stinkt.

»Da ist kein Reißverschluss, kann jedenfalls keinen finden«, erklärst du mit gebrochener Stimme.

»Dann ein Band oder Knöpfe.«

Nein, auch das nicht. Natürlich nicht, und das weiß sie auch. Du musst dich räuspern. Für wie blöd hält die dich.

»Dann tu doch was! Hilfe! Du musst eine Schere holen. Schneid es auf! Beil dich!«

Das wird ja immer schöner. Ihr die Kleider vom Leib schneiden. Wenn sie wenigstens nicht so stinken würde. Was ist das, dieser faulige Geruch?

Die Situation beginnt dich zu überfordern. Was soll das? Was hat die mit dir vor? Du eilst in die Schreibstube, holst die Schere aus der Ablage, hastest zurück ins Bad, wird dir alles zu viel, setzt die Schere an, oben am Hals, versuchst zu schneiden, aber die Schere verkantet, der Stoff klemmt zwischen den Schneiden, läßt sich nur mühsam wieder lösen, nur mit beiden Händen. Deine Hände werden fahrig, beginnen zu zittern. Wenn Madame doch bloß mal ihren inneren Zappelphilipp ruhig stellen würde.

»So geht das nicht«, klagst du, »Die Schere ist stumpf.«

»Oh Mann! Dann hol eine scharfe, mach schnell, beil dich«, schimpft sie und gestikuliert dabei wild mit den Händen.

»Eine schärfere habe ich nicht, die ist ganz neu, tut mir leid.«

»Dann hol ein Messer. Na los, beeil dich.«

Wie die mit dir redet. Als wärest du ihr Lakai. Ein Messer will sie, und was kommt als nächstes? Die Kettensäge?

Nein, ganz sicher wirst du jetzt nicht anfangen, mit einem Messer an ihrem Rücken herumzudoktern. Nicht um diese Zeit. Nicht in deinem Zustand, mit diesen zittrigen Händen. Und dann passiert es dir, die Schere fällt dir aus der Hand, du kannst nicht mehr, es reicht, die Knie werden dir weich, deine Beine wollen dich nicht mehr tragen. Du möchtest dich nur noch hinlegen und schlafen, schlafen, nichts als schlafen.

Reiß dich zusammen. Du musst dich zusammenreißen. Selbsthypnose. Keine Schwäche zeigen. Hilflos greifen deine Hände nach einem Halt, dem einzig greifbaren, nach ihren Schultern. Da steht sie nun vor dir mit gebeugtem Nacken und rührt sich nicht. Deine Hände lasten auf ihren Schultern, schwer auf ihren Schultern, und du bist dankbar, dass sie da ist. Dass sie dich hält. Dankbar, was für ein Unsinn. Sie ist doch der Grund für den Schlamassel. Wenn sie nicht da wäre, wärest du jetzt nämlich da, wo du hingehörst. In der Kammer, ausgestreckt auf deinem Lager.

Wenigstens ist sie jetzt ruhig. Mit gesenktem Kopf, wie die arme Sünderin, die sich dir auf Gedeih und Verderb ausliefern will. Bloß das nicht. Das nicht. Niemand soll sich dir ausliefern. Auf ihrem Kopf diese bizarre Haube aus Lehm und Haar, blond wie Stroh, Gemisch aus Lehm und Stroh, Lehmschlag. Und dann, ein Schock. Ach nein, das ist nur der Lehm, der brüchig wird und dabei wirkt, wie ein Spalt in ihrem Schädel. Du darfst nicht weiter denken. Dieses verbotene Verlangen. Wie lange schon? Die unbedeckte Stelle, da, hinter ihrem Ohr, ein Déjà-vu, eine Täuschung, dir schwinden die Sinne. An dieser Stelle bist du schon einmal gewesen. Diesen Moment hast du schon einmal durchlebt. Vor langer Zeit, dasselbe Verlangen. Was geht da vor, unter diesem Dach aus Lehm, in diesem Haus, in diesem Gehäuse aus Knochen. Wer ist sie? Sie tut ja so, als würdest du sie kennen.

Wie lange schon stehst du so da? Stunden, Minuten, Sekunden. Fermate. Jetzt endlich wendet sie ihren Kopf, schaut dir direkt in die Augen, aus den Augenwinkeln, nach hinten, über ihre linke Schulter. Das Mädchen ohne Ohrgehänge. Dieser Blick, diese Augen, diese Nähe, unausweichlich, unerträglich, wie gelähmt. Was jetzt? Ein Stechen in der Brust, das Ende, aus, vorbei ... Nein. Es geht. Es geht dir wieder gut. Als sei dir buchstäblich ein Stein vom Herzen gefallen. Diese Augen, noch immer, unausweichlich, dieser Blick, was soll das bedeuten? Sie wundert sich. Verwundert? Bewundernd? Ein Wunder. Sie erwartet ein Wunder. Von dir? Ach ja, das Kleid.

Ohne Worte, die wollen dir nicht über die Lippen kommen, führst du sie zu einem wunderlichen Entkleidungstanz. Die Arme strecken, das Kleid an den Schultern packen, über den Kopf ziehen, geht nicht. Von dem Schlamm viel zu schwer scheint sich der Stoff nur immer fester um ihre Taille zu schnüren. Wie eng der Stoff um ihre Taille liegt, wie ist sie da nur reingekommen? Zweiter Versuch, dir zugewandt, den Oberkörper vorgebeugt, ein Stück vor, Schwerpunkt nach hinten, so. Schön. Ihr Rücken gestreckt, in der Waage, wie ein Tisch. Überhaupt wirkt sie sehr sportlich. Noch einmal kräftig an den Schultern ziehen. Mit dem Kleid muss es eine besondere Bewandtnis haben. In Längsrichtung entlastet gibt der Stoff nach, ein schleifendes Geräusch, möglicherweise ein Riss im Gewebe, vielleicht auch ein verborgener Verschluss, ein Trick. Dann geht es problemlos über Schultern und Kopf. Das allerdings hätte sie auch selbst machen können. Das ganze Drama, du wärest beinahe gestorben dabei, nur ein albernes Spiel. War dir ja von Anfang an klar. Kann ihr Kleid nicht ausziehen, Die spinnt.