Zweites Buch: Lotta
Zweite Person, Singular
Du atmest erleichtert auf. Sie bedankt sich, lässt das Kleid, die schlammgetränkte Stoffmasse, die du ihr in die Hand gedrückt hast, achtlos zu Boden fallen. Darunter trägt sie einen schwarz glänzenden, eng anliegenden Einteiler mit halben Bein, der ihren Rumpf wie die Chitinhülle eines riesigen Insektes mit Brustpanzer und geschlossenem Rücken zu schützen scheint. Der faulige Kleister findet anscheinend keinen Halt auf dem glatten Material. Der ganze Anzug wirkt nahezu unbefleckt.
Inzwischen hat sie sich dem nächsten Entkleidungsschritt zugewandt. Mit konzentriertem Blick führt sie ihre beiden Daumen unter den linken Träger, legt ihren Kopf zu Seite und versucht mit äußerster Kraft beider Hände den Träger über den Kopft zu ziehen. Sie sieht dich an und setzt den Träger noch einmal ab.
»Hilfst du mir mit dem Träger?«
Mit dem Träger? »Ja.«
Mit vereinten Kräften gleitet der linke Träger über den Kopf auf die rechte Schulter.
»So, ich hoffe sie kommen jetzt alleine zurecht.«
Bevor es zu nackten Tatsachen kommt verläst du das Badezimmer und schließt die Tür.
»He, ich dachte du willst mir helfen!«, schallt es aus dem Bad.
»Helfen? Den Rücken schrubben?«
»Ja, zum Beispiel. Aber vor allem die Haare waschen. Die sind ganz verklebt.«
Die spinnt. »Tut mir leid, das gehört nicht zum Service.«
»Was soll das heißen? Dann bring mir wenigstens was trockenes zum Anziehen. Ich konnte ja nichts mitnehmen.«
Konnte nichts mitnehmen, wozu gibt es Koffer? Immerhin will sie etwas anziehen. Das spricht für sie. Mit spitzen Fingern greifst du den weißen Wollpullover und die graue Jogginghose vom Wäschestapel auf dem Schuhschrank, öffnest die Badezimmertür einen Spalt und legst mit gesenktem Blick die Sachen auf dem WC-Sitz ab.
Deine Hände kannst du dir in der Küche waschen. Aber erstmal hast du andere Sorgen. Die Wohnungstür. Die ganze Zeit über stand die Tür offen. Da kann ja jeder hereingekommen sein. Wahrscheinlich ist sie nicht alleine. Sehr wahrscheinlich hat sie Komplizen. Die ganze Aktion mit dem Kleid war doch ein Ablenkungsmanöver. Mit dem Träger helfen, beim Duschen helfen, was zum anziehen holen, wohl eher, ihren Freunden mehr Zeit zum Rückzug geben. Die spinnt nicht, die hat dich ausgetrickst.
Mit dem Handrücken schließt du die Tür. Es hilft nichts. Du musst nachschauen, ob noch jemand in der Wohnung ist. Und was, wenn da wirklich jemand ist, was machst du dann. Du kannst dich doch gar nicht wehren. Mit bangem Herzen gehst du durch alle Räume, die Schreibstube, unter dem Tisch, unter der Liege, im Aktenschrank, in der Küche, unter der Spüle, unter dem Tisch, nichts. Der Abstellraum, die Garderobe, dann in die Kammer, dein Lager, hinter dem Sofa, dem Wandregal, nichts. Du atmest erleichtert auf. Zum Glück niemand in der Wohnung. Zurück in den Flur. Was jetzt?
In der Küche erstmal die Hände abspülen. Der Gestank. Du hebst einen Brocken von dem Dreck auf, der im Flur herumliegt. Lehmboden, offensichtlich, den gibt es hier in der Gegend doch gar nicht. Das Stück zerbröselt dir in der Hand. Kies, Sand, mit hohem Lehmanteil. Oder Lehm, mit hohem Sandanteil. Dazwischen Gras, Stroh, skeletiertes Blattwerk, organisches Material, faulig, Faulschlamm, da kommt der Gestank her. Andere Häufchen auf dem Boden, weiches Material, formbar, Reiner Lehm. Was sich auf ihrer Haut verteilt hat war flüssig, eine Art Leimfarbe, gelblich-braun, aufgeschlämmter Lehm.
Das Treppenhaus, die Eingangstür unten stand wahrscheinlich wieder offen. Irgendwie muss sie ja ins Haus gekommen sein. Du löschst alle Lichter, schaust aus dem Küchenfenster, auf den Parkplatz. Der schwarze Kombi vielleicht. Hat sich da nicht etwas bewegt, im Innern, auf der Ladefläche? Kann aber auch einer von den Kleinwagen sein. Selbst wenn da jemand drinsäße, müsste das nichts bedeuten. Die große Stadt, da ist Tag und Nacht Betrieb, irgendwer ist immer wach.
Um das Treppenhaus kommst du nicht herum, eine kurze Inspektion wenigstens, die Tür unten abschließen. Im Abstellraum die schwere Handlampe, auch gut als Schlagwaffe zu gebrauchen. Die Wohnungstür, kein Grund besonders leise zu sein. Du machst auch Licht im Treppenhaus, bist ja hier zuhause, brauchst dich nicht zu verstecken. Die Pfütze vor deiner Tür würdest du am liebsten gleich wegmachen. Geht aber nicht, weil alles Putzzeug im Bad ist. Nachher also, wenn sie da fertig ist. Ein großer Schritt von der Türschwelle auf die erste Stufe nach oben, am Geländer festhalten, die Pfütze umgehen.
Die Schlammspur endet auf dem ersten Treppenabsatz nach unten, in einer Anhäufung aus Erde und Schlamm. Wie ein Kraterrand, rund, vielleicht einen dreiviertel Meter im Durchmesser. In der Mitte die Steinfliesen, freiliegend, glänzend in Form ihrer Fußsohlen. An dieser Stelle muss ihr jemand einen Kübel Dreck über den Kopf geschüttet haben.
Weiter unten, im ersten Stock, im Erdgeschoss, bis auf ein paar Spritzer von oben herabgetropft, nichts, keine Spur, alles sauber. Die Eingangstür unten ist nicht nur zu, sie ist sogar abgeschlossen. Alles in Ordnung, wie es sich gehört.
Zurück nach oben, vor dem Krater, wie ein Schlag in den Magen trifft dich die Erkenntnis. Sie ist nicht allein. Was bloße Vermutung war, ist jetzt Gewissheit. Das ist noch einmal ein ganz anderes Kaliber. Dir wird übel. Vor Enttäuschung vielleicht, weil sie deine Gutmütigkeit ausgenutzt hat. Vor Hilflosigkeit, was machst du jetzt?
Außerdem. Sie muss aus einer der Wohnungen kommen. Zumindest muss sie zu einer der Wohnungen gehören, jemanden kennen, der sie hereingelassen hat, der ihr geholfen hat.
Geholfen? Geholfen hast du. Wohl eher jemand, der ihr das angetan hat. So etwas lässt man doch nicht freiwillig über sich ergehen. Sie könnte immer noch Opfer sein. Du bist es, der auf ihrer Seite steht, trotz allem, hoffentlich vergisst sie das nicht.
Aber dann ihre Aussage. Das war nicht so geplant. Da hat sie sich verplappert. Also ist schon mal sicher, dass etwas geplant war, gegen dich, ein Komplott, eine Verschwörung.
Wieder an der Wohnungstür, die hast du offen gelassen, schon wieder, wie dumm. Ach, und die Schlüssel stecken von innen, also eher noch mal Glück gehabt, dass die Tür nicht zugefallen ist. Sonst stündest du jetzt draußen und müsstest hoffen, dass sie dich einlässt. Egal, kann also wieder mal jeder hereingkommen sein. Von oben. Oder von gegenüber. Die Engel. Steht hinter der Tür und lacht dich aus. Seit Jahren hat sie's auf dich abgesehen. Droht mit Hausverwaltung, Polizei.
Was tun? Am besten gar nichts, du machst sowieso nur alles falsch. Noch einmal ins Treppenhaus? Auf den Dachboden? Nein. Die Wohnungstür abschließen, ja. Die Kette einhängen. Noch einmal kurz durch die Wohnung, niemand da. Vollkommen still, warum ist es so still? Die ganze Zeit über. Im Treppenhaus. Wenn irgendwo Wasser läuft, hört man das im ganzen Haus. Seit du ihr die Sachen ins Bad gelegt hast, hast du nichts mehr von ihr gehört. Was macht sie da drinnen? Warum kommt sie nicht zu Potte. Ist sie überhaupt noch da? Kann sich ja heimlich davon gemacht haben, als du unten warst.
Du versuchst, an der Tür zu lauschen, nichts. Durchs Schlüsselloch? Das tust du nicht. Du zitterst vor Angst, aber deine Würde lässt du dir nicht nehmen. Wenn sie meint, dich betrügen zu müssen, soll sie das tun. Die Schande ist dann ihre. Sie muss damit leben, nicht du. Von wegen Indianerehrenwort, alles gelogen.
In die Kammer. Dein Lager. Das Laken glattziehen. Das Bettzeug zusammenrollen, die Tagesdecke darüber. Die Möbel geraderücken, das Sofa, den Sessel, den Tisch. Die leeren Bierflaschen, was sonst noch so herumliegt, die Wäsche, in den Abstellraum, in die Küche, schnell.
In der Küche, ein letzer Blick aus dem Fenster. Der Parkplatz, der schwarze Kombi, da tut sich was. Fahrertür und Heckklappe stehen offen, im Innern brennt Licht. Bei der Laterne, neben dem Wagen, eine alte Frau. Klein, zart, die Arme vor der Brust verschränkt, wandert sie langsam auf und ab, senkt den Blick, gedankenverloren, als ob sie auf etwas wartet. ... Da, ein Mann, groß, korpulent, dunkle Haare, Schnauzbart, schwarze Hose, weißes Hemd. Zwei große Hunde an der Leine springen in den Wagen, auf die Ladefläche. Der Mann löst die Leinen, schließt die Klappe. Dann geht er auf die alte Frau zu, reicht ihr die Hand, zum Abschied. Die Frau will mehr, versucht ihn zu umarmen, zu kurz ihre Arme. Mit der Linken reicht sie an sein Gesicht, streichelt ihm über die Wange. Der Mann ergreift ihre Hand, wie zum Kuss, lässt sie dann aber fahren, wendet sich ab. ... Steigt in den Wagen. ... Hebt noch einmal die Hand zum Gruß. ... Schließt die Wagentür. ... Startet den Motor. ... Rangiert. ... Fährt ab. Um die Ecke, zur Ausfahrt. Du eilst in die Kammer, ans Fenster, schiebst die Blende zur Seite, kannst den Wagen gerade noch am Haus vorbei fahren sehen. Auf und davon. Der ist weg, hat nichts mit dir zu tun. Noch einmal ans Küchenfenster, auf dem Parkplatz, niemand.
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