Epilog: Gerda
Hauptperson, Singulär
Eine nagelneue Stehleiter, aus schönem silbrigen Aluminium, ganz leicht. So etwas hat sie noch nie gesehen. Das ideale Geschenk für eine kleine zarte Frau. Die alten Leitern aus Holz oder Eisen waren so schwer, dass Maria sie gar nicht alleine bewegen konnte. Sie musste immer jemanden bitten, ihr zu helfen.
Zum Beispiel: wenn sie den Koffer vom Schrank holen wollte, um zu prüfen, ob der noch richtig schließt und auch sonst in Ordnung ist. Der Joseph würde ihr natürlich helfen, er ist ja ein netter Mann. Aber er würde auch Fragen stellen: was sie mit dem Koffer wolle, ob sie verreisen wolle und wohin. Was sollte sie dann antworten. Sie will ja nur vorsorgen für den Fall, dass sie plötzlich überraschend verreisen müssen. Aber sie will auch nicht gleich die Pferde scheu machen. Lieber wäre ihr, der Joseph würde gar nichts davon merken.
Gerda stellt sich vor, wie Maria die Leiter entdeckt. Da hinten in der Ecke, in der Weihnachtstube, mit einer roten Schleife und einem Schildchen daran: Für Maria.
Verwundert greift Maria nach der Leiter und schwupps, schon trägt sie sie in den Händen. So leicht ist die.
Vorsichtig klappt Maria die Leiter auseinander, stellt sie auf, rüttelt daran: die Leiter steht fest. Fünf Stufen, keine Sprossen, richtige Stufen, wie eine Treppe. Die fünfte Stufe ist besonders breit, eigentlich eine richtige Plattform. Ein kleiner Tanzboden denkt Maria und lacht.
Langsam steigt Maria die Leiter empor. Sie hält sich fest, aber das muss sie eigentlich nicht. Alle Stufen sind so breit, dass sie freihändig hinaufsteigen könnte.
Fünf Stufen, das ist nicht viel, gerade hoch genug um überall im Haus heranzureichen. Aber auch nicht zu hoch, so dass sie gefahrlos von oben herab springen könnte. Hopps, da steht sie wieder auf dem Boden.
Maria schaut sich um, betrachtet den Weihnachtsbaum. Da oben, die drei Kerzen, die sind ja ganz schief. Ja, ja, der Joseph ist in solchen Dingen immer so nachlässig.
Maria stellt die Leiter auf, steigt hinauf, richtet die Kerzen, springt hinunter.
Und da die Kugeln, und erst recht die Glocken, die dürfen nicht aufliegen, die sollen doch klingen. Kling, Glöckchen, klingelingeling. Maria singt und tanzt, um den Weihnachtsbaum mit der Leiter, auf der Leiter, unter der Leiter, richtet hier, richtet dort. Oh, mein Joseph, der wird was zu hören bekommen, ho, ho, ho, lacht Maria und jubiliert vor Freude und Zufriedenheit.
Miau!
Oh weh, Maria, jetzt hast du den Jungen geweckt.
Maria beugt sich über die Krippe und nimmt das Kind auf den Arm: Na, mein kleiner Jesus, du bist doch noch gar nicht dran. Deine Windel ist frisch, gegessen hast du auch, du bist doch gerade erst eingeschlafen.
Miau.
Ja, was willst du denn? War ich zu laut? Willst du wissen, was los ist? Oh, warte, gleich kriegst du was zu sehen.
Mit dem Jungen auf dem Arm steigt Maria die Leiter hinauf, hebt das Kind hoch über ihren Kopf und dreht sich schneller und schneller im Kreis.
Und Jesus schaut von oben herab, breitet die Arme aus, quietscht vor Vergnügen und lacht und freut sich, wie die ganze Welt sich um ihn dreht.
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