Epilog: Gerda

Ja, da lacht der Jesus

Hauptperson, Singulär

Und wenn er jetzt da oben von der Leiter gefallen wäre und sich den Kopf aufgeschlagen hätte, dann wäre ihm eine Menge Leid erspart geblieben. Viel zu lachen hat er ja nicht gehabt in seinem Leben und zum Schluss ein schlimmes Ende.

Jesus wusste auch nicht, wer sein Vater war. Gottes Sohn. Das könnte Gerda auch sagen. Wenn Mona nichts sagen will, dann ist Gerda eben Gottes Tochter.

Gerda kennt viele, die ihren Vater nicht kennen. Vera ist zum Beispiel eine davon, Oma Phil sagt auch nichts. Alles Gottes Kinder. Wäre ja auch seltsam, wenn der allmächtige Vater nur ein einziges Kind gehabt hätte. Sie wären dann alle Geschwister. Jesus wäre Gerdas Bruder, Halbbruder wenigstens. Und Vera Gerdas Halbschwester. Umso schlimmer, dass sie Gerda die kalte Schulter zeigt.

Getauft war Jesus auch nicht, jedenfalls erst mal nicht. Maria und Josef waren Juden, die haben nicht getauft. Später, als er groß war, hat er sich aber doch taufen lassen. Gerda erinnert sich an eine Geschichte mit Taufe.

Ach, diese Jesus-Geschichten waren immer so traurig, da hat Gerda lieber gar nicht zugehört. Sie weiß nicht viel über Jesus, nur dass er zum Schluss gekreuzigt wurde.

Ja, das kommt davon, erst wird man getauft und dann gekreuzigt. Ans Kreuz geschlagen. Mit Nägeln durch Hände und Füße. Wahrscheinlich haben sie ihn auf das Kreuz gelegt, ihn daran festgenagelt und dann das Kreuz aufgerichtet, damit er in der Sonne verschmachten sollte.

Gerda weiß gar nicht, warum der Jesus gekreuzigt wurde. Wahrscheinlich weil er zu viel wusste. Der Jesus war ja auch Wanderprediger und ist viel herumgekommen, hat viel gelernt auf seinen Reisen. Er musste ja auch viel wissen, wovon er predigen konnte. Und übers Wasser konnte er gehen. Da hat er bestimmt auch Wale beobachtet. Und wer den Walen zuschaut, der sieht ja gleich, dass es keine Fische sind. Das ist ja keine Geheimwissenschaft.

Das kann Gerda sich gut vorstellen. Da spaziert der Jesus durch die Straßen von Jerusalem, pfeift ein fröhliches Liedchen und singt irgendwas von Walen und Fischen und so ein dummer König bekommt Wind davon und da bleibt keine Wahl: der Jesus muss ans Kreuz. Natürlich mit Nägeln angeschlagen. Einfach nur anbinden ist ja langweilig, das macht ja jeder. Oh, diese dummen Könige, die sollte man alle in eine Gummizelle sperren.

Im Schummerlicht der Kerze betrachtet Gerda ihre Hände. Das sind schöne Hände, tüchtige Hände. All die wunderbaren Dinge, die sie damit machen kann. Türen aufmachen, Hunde befreien, Knöpfe zuknöpfen, Nudeln kochen, lauter Dinge, die kein Hund, keine Katze und erst recht kein Esel kann.

Und dann ans Kreuz geschlagen, mit großen Nägel durch ihre schönen Hände. Ach, das würde gar nicht halten, Gerda ist viel zu schwer. Der Jesus war nicht so dick, wahrscheinlich im Kerker schon halb verhungert, da kann das schon angehen. Aber Gerda. Ein großer Nagel, zum Beispiel einer von den 160 mm Drahtstiften, unterhalb der Handwurzel zwischen Elle und Speiche und drei von den 120 mm Drahtstiffen durch die Handfläche, vielleiht mit einer Holzlasche darüber, das würde gehen. Man müsste aber aufpassen, dass man die Pulsadern nicht verletzt. Sie soll ja nicht gleich verbluten sondern langsam in der Sonne verschmachten, wegen der Folter.

Nein, nein. nein, so will Gerda nicht sterben. Sterben muss sie, ja, wegen Lotta, aber nicht so. Vielleicht Gift, Schlaftabletten, irgend etwas sanftes. Nichts, was ihre schönen Hände kaputt macht. Und ach, ihre Füße. Die müssen ja auch angenagelt werden. Ihre schönen Füße, die braucht sie doch zum Laufen und zum Tanzen und zum Radfahren. Und all die Nägel nur, weil sie so viel weiß.

Oder villeicht ... die Hand abgebissen. Du liebe Güte, so ein großer starker Kerl und dann so ein Jammerlappen, die Hand abgebissen. Was fällt dem auch ein, Gerda mit seinen Riesenpranken anzugrapschen und dann hat er sie auch noch beleidigt, sie Schlampe genannt. Die Hand hat Gerda ihm nicht abgebissen. Vielleicht ein bisschen den Daumen geritzt. Dafür muss sie nicht gekreuzigt werden.

Gerda ist auch so alleine, niemand ist da, der sie trösten könnte.

»Oh Mama, Mama, wo bist du. Mama, Mona, hilf mir, zu Hilfe! Ich bin Gerda, deine Tochter, du musst mir helfen. Treib die blöden Kräutergeister aus dem Haus, mach dein blödes Schwimmhaus los und lass dich hierher treiben und hilf mir, nimm mich in den Arm und tröste mich, sag mir, dass alles gut wird, dass ich nicht ans Kreuz geschlagen werde, oh, Mama, Mona, Mama, warum hast du mich verlassen!«

»Ja Rex,«