Zweites Buch: Lotta
Zweite Person, Singular
Die Kräfte sind ungleich verteilt.
Auf der einen Seite sie, aufrecht stehend in der Tür, weiblich, jung, strahlend, aufgeräumt und frisch geduscht.
Auf der anderen Seite du, zusammengekauert auf dem Sofa, männlich, alt, matt, durcheinander und ungewaschen.
In allem das genaue Gegenteil.
Nur in der Kleidung zieht ihr gleich. Sie hat sich eines deiner rotkarierten Holzfällerhemden herausgesucht, die dir vorzugsweise als Nachthemd dienen. Sie trägt es ungeknöft als Wickelkleid, um die Taille geschnürt mit einem schmalen Lederriemen unbekannter Herkunft. Mit nackten Beinen zwar und barfuß, für die Straße nicht geeignet, aber ganz passabel im Haus und für die Nacht.
Ein Hauch von Essig liegt in der Luft, und ein Schwall von deinem Pheromagnus Männerschaumbad, das dir ein wohlmeinender Freund vor Jahren geschenkt haben muss, wofür du aber nie Verwendung hattest. Sie hat sich reichlich bedient, die Frauen werden auf sie fliegen, wie Magneten. Auf dich wirkt es eher abstoßend, in diesem Fall ein Vorteil, nicht auszudenken, wenn sie jetzt auch noch verführerisch duften würde.
Du schaust sie an, dann blickst du an dir herab und musst lächeln.
Sie erwidert dein Lächeln: »Wir haben das gleiche an.«
Du machst Anstalten, dich vom Sofa zu erheben, um sie mit Handschlag zu begrüßen. Sie winkt ab: »schon gut, bleib sitzen, streng dich nicht an.«
In den Händen hält sie den Pullover und die Jogginghose, die du ihr ins Bad gelegt hattest. »Der kratzt und die ist zu groß.« Damit legt sie beide Kleidungsstücke auf die Anrichte neben der Tür. ... »Entschuldigung. Hat etwas länger gedauert, hab noch meine Sachen gewaschen und in der Wohnung saubergemacht.« ... »Im Bad, die Wanne, den Boden.« ... »Im Flur, den Tepich.« ... »Die Treppe im Treppenhaus.« ... »Das Kleid ist schön geworden, der ganze Dreck ist rausgegangen. Die Farben. Das Blau. Wie neu.« ... »Dabei hab ich es nur kalt ausgewaschen, nur kalt unter der Dusche, und ausgeklopft, wie früher die Frauen am Waschstein, willst du es mal sehen?«
Sie wirft ihre Sätze mit Schwung in den Raum und lässt sie langsam ausrollen, wie einen Spielball, in der Hoffnung, ein Ziel zu treffen, eine Reaktion bei dir auszulösen. Aber damit hat sie schlechte Karten. Dein Schweigen hat schon manchen zur Verzweiflung gebracht. Was sollst du auch sagen, du hast nicht die leiseste Ahnung, wer sie sein könnte. Hilfe ist von ihr wohl nicht zu erwarten, irgendein Anhaltspunkt, ein verräterischer Hinweis, ein Gruß von gemeinsamen Bekannten, sie scheint ja felsenfest davon überzeugt zu sein, du müsstest sie kennen.
Auf die Gefahr hin, sie zu beleidigen und dich selbst zu beschämen, wagst du den etwas ungeschickten Versuch, deine Gedächtnislücke, oder wohl eher den Totalausfall deines Gedächtnisses, unumwunden zuzugeben: »Einen Moment bitte«, du hebst die Hand um ihrem Redeschwall Einhalt zu gebieten, »Entschuldigen Sie, meine liebe Dame, das ist mir jetzt sehr unangenehm, anscheinend leide ich unter einer schlimmen Amnesie. So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich nehme an, ich sollte sie kennen, aber ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, ich weiß im Augenblick überhaupt nicht, wer Sie sind.«
Kaum ausgesprochen, bereust du deine Worte, denn statt die gewünschte Auskunft zu erhalten, wirst du Zeuge, wie sich das Gesicht der jungen Frau in wenigen Sekunden verfinstert, die strahlende Sonne wird zum finsteren Neumond, heitere Zuversicht weicht trauriger Verzweiflung. Sie wendet den Kopf, gerät förmlich ins Wanken, so hart war dein Schlag, dass dir angst und bange wird. Du stehst auf ihr zu helfen, gehst einen Schritt auf sie zu: »Meine liebe Dame, geht es Ihnen gut? Brauchen Sie Hilfe? Vielleicht sollten Sie sich erst einmal setzen.« Du deutest auf den leeren Sessel gegenüber dem Sofa. Sie schüttelt den Kopf, schaut dich wieder an, Tränen in den Augen, spricht mit schluchzender Stimme: »Nein, danke, es geht schon.«
Sie weint. Warum weint sie? Nur, weil du nicht weißt, wer sie ist. Das scheint dir übertrieben. Du nimmst die Papiertaschentücher von der Anrichte und reichst sie ihr in die zitternden Hände, versuchst zu trösten: »Na, na, wer wird denn gleich weinen, es gibt doch gar keinen Grund.« Du würdest sie zum Trost auch gerne in den Arm nehmen, aber das kannst du nicht.
Sie schnäuzt sich, räuspert sich mehrfach und lässt dann mit rauher, beinahe heiserer Stimme ein Sperrfeuer an Vorwürfen auf dich einprasseln: »Was du sagst, keinen Grund. Du hast mir die Tür aufgemacht, hast mich in deine Wohnung gelassen, hast mir geholfen, hast mich angefasst, hast hier auf mich gewartet, und auf einmal willst du nicht mehr wissen, wer ich bin? Lässt du jeden in deine Wohnung. Du lügst, du verleugnest mich und du weist mich ab. Du weißt genau, was das für mich bedeutet, meine Welt geht unter, und da soll ich nicht weinen.«
Du gehst in Deckung: »Meine liebe Dame, es tut mir aufrichtig leid, wenn Ihnen meine Unkenntnis so großen Kummer bereitet, aber gegen Ihre Vorwürfe muss ich mich doch verwahren. Ich habe Sie in die Wohnung gelassen und Ihnen geholfen, weil ich tatsächlich jedem nach Möglichkeit helfen würde, der in Not geraten ist, egal, ob mir die betreffende Person bekannt ist oder nicht. Und seien sie versichert, dass ich wirklich nicht den Hauch einer Ahnung habe, wer Sie sein könnten. Angesichts Ihrer offensichtlichen Gewissheit, ich müsse Sie kennen, kann es sich tatsächlich nur um eine schwere Amnesie handeln, die mir unbegreiflich ist, die Sie mir aber bitte nicht zum Vorwurf machen dürfen. Ich bin mir Ihnen gegenüber keines irgendwie gearteten Fehlverhaltens bewusst, im Gegenteil, ich behandle sie mit dem allergrößten Respekt, ich belüge Sie nicht, ich weise Sie nicht ab, und vor allem habe ich Sie nicht angefasst.«
Sie schiebt den Hemdkragen beiseite, deutet auf ihre entblößte Schulter, »Hast du wohl, schau«, vermutlich will sie auf ein Hämatom von deiner Hand hinweisen, was du aber aus dem gegenwärtigen Blickwinkel nicht bestätigen kannst.
Ein Beweis ist für dein Geständnis auch nicht nötig: »Entschuldigung, Sie haben Recht, das hatte ich vergessen, das war ein Schwächeanfall, ich habe mich bei Ihnen abgestützt, ich bitte Sie vielmals um Verzeiung, wenn ich Sie damit verletzt haben sollte.«
Sie wiegelt mit einem Kopfschütteln ab: »Du hast mich nicht verletzt, du musst dich dafür nicht entschuldigen, ich wollte doch nur sagen, du hast mich angefasst, du hast mich erkannt, und jetzt lügst du und weist mich ab.«
Mühsam versuchst du, dich weiter durch ihre Wand aus Vorwürfen zu arbeiten: »Meine liebe Dame, mit allem nötigen Respekt, wie kommen Sie nur auf die Idee, ich würde Sie abweisen? Das Gegenteil ist der Fall«, du deutest noch einmal auf den leeren Sessel, »ich biete Ihnen sogar eine Siztplatz an.«
Sie präzisiert ihren Angriff: »Wohl weist du mich ab, du sagst Sie zu mir und nennst mich deine liebe Dame, das ist abweisend. Sag du zu mir und nenne mich bei meinem Namen.«
Du nutzt die offene Flanke, die sie dir bietet: »Meine liebe Dame, wie ich schon sagte, es tut mir furchtbar leid, aber ich kann mich beim besten Willen nicht an sie errinnern. Eigentlich kann ich mir gar nicht vorstellen, sie jemals gekannt zu haben, aber das ist wohl das Wesen einer Amnesie. Dass Sie meine Anrede als abweisend empfinden, betrübt mich, war sie doch nur als Ausdruck meines Respekts für eine mir vollkommen unbekannte Person gedacht. Aber Wie soll ich Sie mit ihrem Namen ansprechen, wenn ich diesen Namen gar nicht kenne? Wir können jetzt ein Ratespiel veranstalten, oder, was ich für zielführender halte, Sie erweisen mir die Güte, sich einmal kurz vorzustellen, um mir auf die Sprünge zu helfen.« Dabei nickst du ihr ermunternd zu.
Anscheinend lösen deine Zaubersprüche bei deiner Gegenspielerin die merkwürdigsten Reaktionen aus. In diesem Fall heftiges, unwilliges Kopfschütteln und ein hochrotes Gesicht. Vermutlich ein geheimer Schwachpunkt, den du ungewollt getroffen hast, ähnlich deinen Berührungsängsten, die man entweder überwinden kann, oder erklären muss.
Sie erklärt: »Du musst den Namen sagen. Ist das nicht so? Du musst den Namen sagen.«
Das erklärt nichts, du darfst jetzt nicht locker lassen. »Keine Angst, ich beiße nicht und ich reiße niemanden den Kopf ab. Nur Mut, so schlimm wird es schon nicht sein.«
»Du meinst ich soll, bist du sicher?«
»Ja.«
Sie scheint sich zu besinnen, muss schlucken, nickt einsichtig mit dem Kopf, räuspert sich kurz, holt tief Luft und spricht mit gefestigter, klarer Stimme: »Ich bin deine Lotta, du bist mein Schöpfer, du musst mich festhalten, dass ich nicht verloren gehe.«
Bingo! Du hast eine Tochter, das ist ja wunderbar. Und Lotta heißt sie, ein schöner Name, viel schöner als Conny oder Marie oder Jane. So löst sich am Ende doch alles auf. Warum hat denn Melanie dir nichts gesagt, ihr wart doch trotz allem Freunde. Egal, jetzt ist Lotta hier, sie braucht dich jetzt, und du kannst ihr helfen. Vielleicht will sie studieren, hier in der großen Stadt. Du musst sie unterstützen, was auch immer du ihr geben kannst, alles soll sie haben, ihr gutes Recht. Du weißt nicht wie, aber du wirst Wege finden, jetzt, wo dein Leben wieder einen Sinn hat, das wird dir Kraft geben, du spürst schon, wie du auflebst, noch einmal alle Kräfte zusammennehmen, alle Liebe, so lange vorenthalten, für deine Tochter, deine Lotta, alles, alles. Gleich morgen, vielmehr heute, heute vormittag gleich, wendest du dich an die Hausverwaltung, erkundigst dich nach den Dachkammern oben im Haus. Für zwei Personen ist deine Wohnung zu klein, hier kann sie nicht wohnen, sie braucht ihren eigenen Bereich, ihren Schreibtisch, ihre Bücher, eine Bude, Studentenbude, sturmfreie Bude, du darfst dich nicht in ihr Leben einmischen, sie hat ihr eigenes Leben. Freu dich, wenn sie dich besuchen kommt, wenn sie dich um Rat fragt, aber sei nicht aufdringlich, sie ist kein Kind mehr, denk daran, dass sie eine junge Frau ist. Eine junge Frau. So jung. Viel zu jung. Bitte nicht. Der schöne Traum. Noch ein bisschen träumen. Für Melanie müsste sie um die dreizig sein, und nach Melanie war nichts mehr, gar nichts. Ihre jugendliche Ausstrahlumg, eine Täuschung, das Licht, die frontale Beleuchtung, die verjüngende Wirkung von Schlammbädern, alles Unsinn, alles Unsinn, mach dir nichts vor, sie ist keine dreizig, niemals, sie lügt. Du musst den Traum zerstören, sie zur Rede stellen.
In deinen Augen, die ersten Tränen seit Jahren. Tochter oder nicht Tochter, sie steht neben dir und reicht dir die Papiertücher zurück, kann sich trotz ihres Kummers ein Kichern nicht verkneifen: »Was ist denn jetzt mit dir los? Du hast doch überhaupt keinen Grund.«
Keinen Grund? Was weiß die denn? Du hast gerade deine Tochter verloren, deine Welt geht unter, und da sollst du nicht weinen.
In der entscheidenden Frage glimmt noch immer ein Funken Hoffnung auf eine mögliche Wendung, die alles erhellt: »Die Mutter, das kann gar nicht sein, Sie sind doch viel zu jung, wer ist denn dann die Mutter?«
Die Antwort verlangt Präzisierung, ein Aufschub: »Welche Mutter?«
Der Funke blitzt noch einmal auf. »Na, wenn Sie behaupten, Ich wäre Ihr Vater, dann habe ich wohl das Recht, zu erfahren, wer Ihre Mutter ist.«
Die Hoffnung geht im Protest unter: »Meine Mutter hat damit gar nichts zu tun. Du bist nicht mein Vater, du bist mein Schöpfer, das ist etwas ganz anderes. Du stellst mir unmögliche Fragen, ich bin dumm genug, dir zu antworten, und du hörst mir nicht einmal zu. Du machst dich lustig über mich. Sag mir doch die grausame Wahrheit direkt ins Gesicht, und treib nicht diesen Spott mir mir. Das ist entwürdigend und demütigend und ganz und gar nicht lustig für mich.«
Du gehst noch einmal in Deckung: »Meine liebe Dame, was Sie mir hier an den Kopf werfen, kann ich überhaupt nicht verstehen. Weder habe ich Sie verspottet, noch in irgendeiner Weise entwürdigend oder demütigend behandelt, meine Fragen sind nicht unmöglich, sondern ganz natürlich, und nichts liegt mir ferner, als mich über Sie lustig zu machen«, und dann zum Gegenangriff: »Ich gebe mir die größte Mühe, Ihnen gegenüber gerecht zu sein, und erhalte als Dank dafür eine nicht enden wollende Tirade von Vorwürfen, die jeder Grundlage entbehrt, und dazu noch in einem Ton, der unserem gegenseitigen Verhältnis, nämlich dem einer jungen Dame zu einem älteren Herrn, die, wovon ich inzwischen überzugt bin, einander völlig fremd sind, vollkommen unangemessen, um nicht zu sagen ungehörig, ist. Ihr Kommandoton hat mir von Anfang an nicht gefallen, und ich verbitte mir die Impertinenz, mich in aufdringlicher Weise weiterhin ungefragt zu duzen. An eine Amnesie meinerseits zu glauben, war eine Dummheit. Inzwischen bin ich davon überzeugt, dass sie hier ein übles Spiel mit mir treiben, dessen Sinn und Zweck mir nicht ersichtlich ist, das aber auch ihre unmögliche Antwort auf meine Bitte, sich kurz vorzustellen, einschließt, auf die ich mir fälschlicherweise den Reim gemacht hatte, sie seien meine Tochter. Wie soll ich das verstehen, ich sei Ihr Schöpfer? Sind sie so eine Art Frankensteinmonster, aus Leichenteilen zusammengeflickt, mit Blitz und Donner zum Leben erweckt?«
Nach einem prüfenden Blick auf ihre Handgelenke und Armbeugen giftet sie zurück: »Das weiß ich nicht. Zuzutrauen wäre es dir, so wie du mich behandelst, ein missglücktes Experiment. Du stellst mir immer Fragen, die du selbst beantworten müsstest, und prahlst damit herum, wie gut du mich behandelst. Leider kann ich davon überhaupt nichts spüren. Deine liebe Dame kannst du dir sparen, wir stehen auf demselben Blatt, deine Siezerei täuscht eine Distanz vor, die es zwischen uns nicht geben kann. Das ist abweisend und respektlos und ganz und gar abscheulich. Du behandelst mich, wie den letzten Dreck, als sei ich nichts weiter, als ein Klumpen Lehm.«
Um den Konflikt nicht weiter zu eskalieren, machst du ihr ein Friedensangebot: »Meine liebe Dame, Sie können es nicht lassen. Von einer vorgetäuschten Distanz kann nicht die Rede sein. Wir sind einander unendlich fern, uns trennen Welten. Seien Sie nicht so ungnädig und machen Sie bitte nicht so ein verbiestertes Gesicht. Vielleicht sollten Sie jetzt doch erst einmal Platz nehmen, und dann lassen Sie uns vernünftig miteinander reden.«
Nach einem kurzen Zögern, sie scheint nachzudenken, bedankt sie sich höflich für den angebotenen Platz, setzt sich und lehnt sich im Sessel zurück. »Soll das heißen, dass du jetzt endlich Vernunft annehmen willst?«
Nach allen Regeln der Vernunft ist es doch sie, die Vernunft annehmen müsste. Bevor du antworten kannst, beugt sie sich vor und schaut dir von ihrer jetzt abgesenkten Position tief in die Augen, fixiert dich regelrecht, was ihr einen Ausdruck der Überlegenheit verleiht, wie der einer Therapeutin, die sich ihrem Patienten zuwendet: »Mein lieber Schöpfer, du kannst es nicht lassen. Es heißt Du und Lotta.« Ihr Gesicht hat sich aufgehellt, sie lächelt dich an und spricht mit ihrer schönsten Samtstimme: »Lass die Furcht beiseite, du sollst mich lieb haben.«
Was hat sie denn jetzt mit dir vor? Will sie dich hypnotisieren? Erst beleidigt Sie dich in einem fort und dann sollst du Sie lieb haben. Von Vernunft ist da nichts zu erkennen: »Lieb haben? Ich soll Sie lieb haben? Es tut mir leid, aber bei Leuten, die mich fortwährend in ungebührlicher Weise herumkommendieren und mir einen unberechtigten Vorwurf nach dem anderen an den Kopf werfen ist das mit dem Liebhaben nicht so einfach.« Mit der Furcht hat sie dich allerdings ertappt.
»Und ja, ich fürchte mich vor Ihnen, genauer gesagt, Sie sind mir unheimlich, tauchen hier aus dem Nichts auf, vollkommen fremd, und wollen mir nicht sagen, wer Sie sind, woher Sie kommen und was Sie von mir wollen. Ist es da ein Wunder, dass mir alle möglichen Mutmaßungen in den Sinn kommen, was Sie mir Schreckliches antun könnten.«
Sie lässt die Begründung deiner Furcht nicht gelten, setzt ihre Hypnose unbeeindruckt fort: »Offenbar fürchtest du meine Nähe, bist aber auch zu feige, mir die Wahrheit zu sagen. Statt dessen versuchst du, mit herbeiphantasierten Ausflüchten dich irgenwie aus dem Schlamassel herauszuwinden.«
Herbeiphantasiert, das hättest du ihr vorwerfen müssen. Sie ist dir zuvorgekommen, hat dir den Wind aus den Segeln genommen. Es sind doch ihre Vorstellungen, die reine Phantasie sind, Schöpfer, Weltuntergang, Tränenmeer, wie pathetisch, reines Theater, was will sie damit bezwecken?
Sie lehnt sich in Ihrem Sessel zurück, wendet ihren Blick an die Decke und flüstert »Oh bitte, bitte, gib mir doch ein Zeichen, ein Zeichen der Hoffnung«, so pathetisch.
Du folgst ihrem Blick, siehst den Rauchmelder an der Decke. Das ist es, die Kamera für ihr Schauspiel, Else, aber warum?
Du fragst direkt: »Wer schaut uns da zu?« Sie versteht nicht: »Wo, was meinst du?« Du erklärst: »Na, da oben an der Decke, der Rauchmelder, die Kammera.«
Sie springt auf, klatscht in die Hände und ruft: »Ein Zeichen, ein Zeichen! Ich hab es doch gewusst, ich hatte es gehofft, dann ist ja alles klar, du wirst abgehört, darum verleugnest du mich, aber warum wirst du abgehört? Und von wem? Und wenn du es weißt, warum tust du nichts dagegen, ich lasse mir das jedenfalls nicht gefallen.«
Sie rennt auf den Flur, in den Abstellraum, ein Klappern, kommt mit der Trittleiter zurück, stellt sie vor dem Couchtisch auf, und steigt hinauf.
Du ahnst, was sie vorhat, glaubst aber nicht mehr an die Kamera und vesuchst sie aufzuhalten: »Sie können doch nicht einfach den Rauchmelder abmontieren, der ist doch für unser beider Schutz, auch für Ihren Schutz.«
Sie lässt sich nicht von ihrem Vorhaben abhalten: »Auf den Schutz kann ich verzichten, ich habe die ganze Schachtel auf einmal angezündet, ich brenne lichterloh, und du machst dir Gedanken um deinen Rauchmelder.«
Ihr Versuch, sich über den Couchtisch zu lehnen, bringt die Leiter zum Kippen: »Mist! Jetzt hilf mir mal. Halt mal die Leiter!« kommandiert sie.
Du stellst dich auf die unterste Stufe, stemmst dich ihrem Gewicht entgegen, schaust nach oben und hälst dir die Augen zu. Kurz darauf: »Autsch! Au! Auah!«, da liegst du am Boden, zur Hälfte auf dem Lager, mit der Leiter, dein Bein eingklemmt, vorsichtig, nicht bewegen, was hat sie denn getan, ist einfach abgesprungen, steht jetzt neben der Leiter schaut erschrocken auf dich herab: »Du meine Güte, was machst du denn, kannst du nicht aufpassen, ich hab doch Zeichen gegeben.«
Du verstehst nicht: »Zeichen, was denn für Zeichen?« Sie erklärt: »Na, Handzeichen, hast du's nicht gesehen? Wo hast du deine Augen?« Ja, deine Augen, »zugehalten«, was die sich denkt, steht da auf der Leiter, mit nichts an, als dem Hemd, und du sollst ... diese schamlose Person. Jedenfalls braucht Sie keinen Plan, um dich zu ermorden, das macht sie ganz nebenbei, aus Versehen, Entschuldigung, war nicht so gemeint.
»So helfen Sie mir doch«, flehst du sie an, »Vorsichtig die Leiter aufrichten, längsseitig, dass ich mein Bein heraus ziehen kann. Ja so, danke, au. Wenn sie mir jetzt noch hochhelfen könnten, dass ich wieder auf das Sofa komme, ja so, danke, ich danke Ihnen.« Du bedankst dich viel zu viel, sie hat den Sturz doch verursacht.
»Was ist denn, tut es weh?«, fragt sie besorgt. »Ja, nein, es geht«, antwortest du mürrisch. »Ist was gebrochen?«, fragt sie noch einmal nach. »Ich hoffe nicht, nein, ich sagte doch, es geht.« Sie lässt nicht nach: »Kann ich etwas für dich tun? Brauchst du etwas? Es tut mir so leid, ich würde dir so gerne helfen, es wiedergutmachen.«
Wiedergutmachen? Lieber nicht, wird alles nur schlimmer. Du wehrst ab: »Nein, danke, schon gut, lassen Sie, lassen Sie mich einfach in Ruhe.«
Mit »Okay, ich hol die anderen.« verschwindet sie, die Leiter unter dem Arm, in den Flur. Die Anderen, ihre Komplizen, wäre ja an der Zeit. Klabastern im Abstellraum, die Leiter wird verstaut. Sie kommt zurück mit den anderen Rauchmeldern in der rechten und einem kleinen Schraubenzieher in der linken Hand, legt alle Rauchmelder nebeneinander auf dem Couchtisch ab, und nimmt wieder Platz auf ihrem Sessel.
Sorgfältig zerlegt sie jeden einzelnen Rauchmelder, indem sie zunächst mit dem von ihr nicht zu erwartenden Kommentar: »Nur für den Fall, die können sehr laut sein«, die Batterie herausnimmt, dann vier Schrauben löst und die Rückplatte entfernt.
Sie betrachtet die Innereien eingehend, kommt dann mit einem der Rauchmelder zu dir auf's Sofa, drängt sich förmlich an dich, nichts ahnend der doppelten Pein, Pheromagnus sei dank, ihres distanzlosen Verhaltens, und hält dir das verdächtige Wunderwerk unter die Nase: »Da ist überhaupt nichts, schau. Ich kenne die Dinger, hab die gleichen bei mir im Haus. Die waren allerdings verwanzt, zwei Mikrofone, drei Kameras, hier dagegen ist gar nichts, wie kommst du darauf, dass du überwacht wirst?«
Natürlich ist da nichts. Wenn da etwas wäre, dann hätte sie die Geräte nicht so eilfertig von der Decke geholt. Du versuchst dich ihr zu entziehen, sie fortzustoßen: »Lassen Sie das bitte, kommen Sie mir nicht zu nahe, Sie bedrängen mich.« Sie zieht sich auf ihren Schmollsesel zurück: »Ach du, wir sind uns sowieso unendlich nahe. Jetzt, wo du weißt, dass wir nicht abgehört werden, kannst du es doch zugeben. Sag endlich Du und Lotta zu mir.«
Es hilft nichts, du musst ihr ein Ultimatum stellen: »Meine liebe Dame, ja, ganz recht, liebe Dame. Das ist nicht geheuchelt, denn abgsehen davon, dass sie mir unheimlich sind, mag ich Sie wirklich, Ihre Stimme, Ihre Ausstrahlung, Ihre Phantasie. Insofern würde es mir unendlich leid tun, Sie ausdrücklich abweisen zu müssen. In letzter Konsequenz hieße das auch, Sie aus meiner Wohnung weisen zu müssen, notfalls mit Unterstützung des staatlichen Gewaltmonopols. Die Nacht könnten Sie natürlich noch hier auf der Liege im der Schreibstube verbringen, ich bin ja keim Unmensch. Aber dazu muss es nicht kommen. Sagen Sie mir einfach klipp und klar, wer Sie sind, woher Sie kommen, warum Sie hier sind und was sie von mir wollen. Das ganze möglichst im Einklang mit den geltenden Naturgesetzen und keine tränenreichen Geschichten mehr von Schöpfer und Weltuntergang. Was Ihre offizielle Abweisung angeht, kann ich Ihnen nur raten, sich nicht zu sehr auf meine Feigheit zu verlassen. Es liegt ganz bei Ihnen, sagen Sie die Wahrheit, oder verlassen Sie meine Wohnung.«
Sie schaut dich ganz entgeistert an, führt ihr Schauspiel einfach fort: »Was willst du denn von mir? Was willst du, dass ich sagen soll. Die Wahrheit habe ich dir schon gesagt, das ist die einzige, eine andere gibt es nicht. Oho, warte mal ab, wenn ich erst anfange, Geschichten zu erzählen. Oh, bitte, bitte, lieber Schöpfer, weise mich nicht ab.«
Du stellst noch einmal klar: »Lassen Sie das Theater, ich kann sie überhaupt nicht verstehen, meine Warnung war ernst gemeint. Was hindert Sie, so schlimm wird es nicht sein, nur Mut, sagen Sie die Wahrheit, legen Sie die Karten auf den Tisch.«
Ein Aufblitzen in ihren Augen, eine plötzliche Wendung, sie greift hinter ihren Rücken, zieht etwas hervor an dem Riemen, den sie um das Hemd gebunden hat: »Auf den Tisch. Ja. Genau. Die Karten auf den Tisch legen. Oh, dass ich nicht daran gedacht habe. Ich kann doch beweisen, wer ich bin. Ich hab ja die Karte, ich meine den Ausweis. Für alle Fälle. Ich wusste ja nicht, ob ich's schaffe, ob ich durchkomme. Wer ahnt denn, dass du mich nicht erkennst. Dass ich den Ausweis brauche, für dich, so was.«
Sie nestelt nervös an der Lasche eines Brustbeutels herum, zieht eine Karte daraus hervor, legt sie vor dir auf den Tisch, ihren Ausweis, was soll das nun wieder?
Immerhin, ein Blick darauf kann jetzt auch nicht mehr schaden. Vom Lichtbild schaut dich Goldlöckchen an, lächerlich, da ist die Matte nach der Schlampackung eine Verbesserung. Das Gesicht könnte stimmen, aber es fällt dir schwer, Menschen am Gesicht zu erkennen. Erster April. Natürlich. Aus dem Land des Lügenbarons, passt ja alles zusammen. Am ersten April ist sie sechszehn geworden. Minderjährig. Das hat dir gerade noch gefehlt. Ein Kind. Was soll das. Wenn sie doch wenigstens erwachsen wäre. Vorausgesetzt der Ausweis ist echt. Du stehst auf, gehst zur Anrichte neben der Tür wo du deine Brieftasche mit den Papieren abgelegt hast, holst deinen Ausweis hervor, vergleichst die Merkmale. Ihrer ist neuer, weniger abgegriffen, ansonsten alles vorhanden, keine Fälschung, jedenfalls nicht für deine Augen. Falls doch, eine gute Fälschung, immerhin. Viel schlimmer aber der Name. Das ist fast schon peinlich. Was soll das.
Du gehst zurück aufs Sofa, gegenüber dem Sessel, von dem aus sie dich anstrahlt. Voller Zuversicht ob des vermeintlichen Beweises. Oh, sie macht es dir nicht leicht. Dieses Glück zu zerstören. Dir bleibt keine Wahl, du musst es ihr sagen.
»Also, nehmen wir einmal an, es handelt sich hier um ein gültiges Ausweisdokument.«
»Ja, ja, natürlich, der ist ganz neu.«
Oh, diese Hoffnung in ihrer Stimme, herzzerreizend. »Also, gut. Und nehmen wir einmal an, dass Sie diejenige Person sind, auf die sich dieses Dokument bezieht.«
»Ja, ja. Vielleicht, die Haare sind anders. Vielleicht ein bisschen verheult. Aber, das sieht man doch.«
»Nun gut, nehmen wir also einmal an, das hat alles so seine Richtigkeit.«
»Ja, ja, hat es, ja, hat es.«
»Also dann, meine liebe, mein liebes Fräulein. Meine liebe Frau Karola Philippa Dolores Hausmeister, dann beweist es doch nur, dass Sie nicht Lotta sind. Was soll das, wollen Sie mich auf den Arm nehmen?«
»Ja, ja, nätürlich. Nein. Ich meine. Du sollst mich auf. In. In den Arm sollst du mich nehmen. Endlich. Du sollst mich endlich in den Arm nehmen. Du sollst dich freuen, dass ich dich besuchen komme. Los, komm jetzt, hör auf mit deinen unnatürlichen Phantastereien.«
Sie ist aufgestanden, stolpert um den Sessel herum, kommt mit ausgebreiteten Armen auf dich zu, lacht dich an, wie ein Honigkuchenpferd, die Wahnsinnige. Du erhebst dich vom Sofa, hälst schützend die Arme vor dein Gesicht. Selbst, wenn du es könntest, würdest du sie jetzt nicht in den Arm nehmen. Du wirst sie ganz sicher nicht in den Arm nehmen. Halbnackt und minderjährig. Ein Kind, ein Mädchen, eine Jugendliche, eine fremde Jugendliche. Du kennst sie nicht. Weißt nichts von ihren Eltern. Weißt nicht einmal, ob sie sich überhaupt bei dir aufhalten darf, welche Konsequenzen das für dich hat, ob du eine Einverstäniserklärung brauchst, von den Eltern, dass sie hier sein darf. Was sind das nur für Eltern, wissen die überhaupt, wo sich ihre Tochter herumtreibt. Unverantwortlich. Du versuchst, sie mit dem Ausweis abzuwehren: »Heh! Heh! Lassen Sie das sein, gehen Sie weg, haben sie überhaupt gehört, was ich gesagt habe? Sie sind nicht Lotta! Schauen Sie doch in den Ausweis.«
Vor dem erhobenen Ausweis in deiner Hand weicht sie zurück, wie der Vampir vor dem Holzkreuz: »Weh mir, weh mir, du hast recht, das hatte ich vergessen, in dem Ausweis steht mein richtiger, mein amtlicher Name, aber ich bin Lotta, alle haben mich immer nur Lotta genannt, das musst du mir glauben.« Sie wendet ihren Blick ab, zieht sich in den Flur zurück.
Du folgst ihr nach, dem Trauerspiel ein Ende zu setzen: »Frau Hausmeister, schauen Sie mich an und hören sie genau zu, was ich Ihnen zu sagen habe. Es ist genug, ich hatte Sie gewarnt, ich lasse mir von Ihnen nicht länger auf der Nase herumtanzen. Hiermit verweise ich Sie offiziel aus meiner Wohnung. Packen Sie ihre Sachen, und gehen Sie, jetzt, sofort. Ich gebe Ihnen eine halbe Stunde, wenn Sie dann noch nicht verschwunden sind, werde ich nicht zögern, die Polizei zu benachrichtigen, sie abholen zu lassen.«
Sie geht vor dir auf die Knie, versucht deine Hand zu ergreifen, fleht dich an: »Bitte nicht, bitte nicht, wenn du mich abweist, bin ich verloren. Was wird denn dann? Die Wohnung verlassen? Wo soll ich denn hin, sag mir doch, wo ich hin soll.«
Du könntest dein Angebot auffrischen, die Nacht noch hier zu verbringen. Statt dessen fällt dir Else ein: »Das ist mir egal. Kennen Sie die Engel, gehen Sie doch dahin.«
Sie schüttelt den Kopf: »Zu den Engeln? Gibt es die hier auch? Wo sind die? Du weist doch genau, dass ich da nicht hin kann, nicht jetzt, nicht, bevor du mit mir fertig bist.«
Was meint Sie? »Ich verstehe Sie nicht, ich habe Sie noch nie verstanden, ich meinte zu Frau Engel, nebenan, die Nachbarin, mit der stecken Sie doch unter einer Decke, irgendwer muss Sie ja ins Haus gelassen haben.«
Sie hat verstanden: »Frau Engel, nebenan, so, aber die kenne ich nicht und die kennt mich nicht und die kann mich auch nicht festhalten. Bitte, bitte, ach, zu spät, ich bin verloren, kann nichts mehr tun, zu spät.«
Endlich seid ihr einer Meinung: »Ja, zu spät. Ich hatte Sie gewarnt, mehr gibt es nicht zu sagen. das war mein letztes Wort.« Du ziehst dich aus dem Flur zurück, schließt energisch die Kammertür, lässt dich auf das Sofa fallen.
Aus dem Flur hörst du, wie ihr Schluchzen lauter wird: »Weh mir! Weh mir! Weh mir!« Jetzt heult Sie wie ein Schlosshund, zum Steinerweichen, wen will sie denn damit noch beeindrucken?
Schuld ist auch deine dumme Unnachgiebigkeit. Ob du sie nun mit Frau Hausmeister siezt oder mit Lotta duzt, kann dir doch egal sein, wenn sie darauf besteht. Geh in den Flur zurück, bring ihr die Taschentücher, versuch sie zu trösten, sprich sie mit Lotta und Du an, du hast ihren Ausweis, der hoffentlich nicht gefälscht ist, und wenn schon, das genügt, mehr brauchst du nicht zu wissen. Dich ausdrücklich zu ihr zu bekennen, hat sie nie verlangt. Stell keine Fragen mehr, vermeide das Thema, eine vernünftige Erklärung ist von ihr nicht zu erwarten, sie ist ja vollkommen verbohrt. Mach ihr die Liege in der Schreibstube zurecht, dass sie sich hinlegen kann, sich leise in den Schlaf weinen. Dann sieh zu, dass du auch noch zur Ruhe kommst, dich ausschläfst bis zum Nachmittag, dann kannst du weitersehen.
Was nun? Das heulende Elend schweigt. Hast du schon gewonnen?
»Kawumm!«, die Erde bebt, die Wände wackeln, hinter der Anrichte ein Rascheln, die Zündhölzer sind vom Bilderrahmen gefallen, die ganze Schachtel auf einmal.
Diese Partie hast du gewonnen.
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