Zweites Buch: Lotta

Sonnenschein

Zweite Person, Singular

Gedämpftes Licht im Flur, zur linken aus dem Bad, zur rechten aus der Küche. Was macht sie denn jetzt in der Küche? Hat sie Hunger? Das Brot sollte sie lieber nicht mehr essen. ... Dass du auch gar nichts da hast, nichts haltbares, keine Konserven, überhaupt nichts für den Notfall. ... Du denkst immer nur an dich, unerwarteter Besuch steht bei dir nicht auf der Rechnung. ... Was klappert sie denn da jetzt wieder im Bad herum. ... Die Klospülung. ... Wasser. ... Eimer. ... Fängt sie jetzt noch zu putzen an? Sie muss doch jetzt nicht putzen. Warum kommt sie denn nicht erst eimal zu dir in die Kammer? Du hast Angst. Du willst endlich wissen, was los ist. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Sie will dich umbringen, dich vernichten, aber voher macht sie noch einmal gründlich sauber. Beruhige dich, sie wird dir schon nichts tun. Wo man putzt, da lass dich ruhig nieder.

Noch einmal die Klospülung. ... Das Licht im Flur wird angeknippst. ... Was wuselt sie denn da im Flur herum? Jetzt reicht es aber, so lange kannst du nicht mehr warten. Du stehst auf und gehst an die Tür, willst ihren Eifer bremsen, sie hereinbitten, ach du liebe Zeit. Durch das Ornamentglas der Kammertür kannst du sie sehen, da hockt sie am Boden und bearbeitet den Teppich mit Bürste oder Schwamm, nur schemenhaft zu erkennen zwar, aber der Dame fehlt ganz offensichtlich eine für dich unverzichtbare zivilisatorische Errungenschaft. Kleidung, nicht nötig, stört nur beim Putzen.

Das kann sie doch nicht machen, die spinnt doch. Was denkt die sich, die Schlampe. Das soll sie bei sich zuhause machen, aber doch nicht hier, bei dir, bei fremden Leuten in der Wohnung. Die Festbeleuchtung an, und dann in der Küche, da ist doch keine Blende vor dem Fenster, nichts, da kann jeder von draußen hereinschauen. Prost Mahlzeit, da werden sich die Spanner von gegenüber aber freuen. Du meine Güte, ist das peinlich.

Wenn ihr die Sachen, die du ihr herausgelegt hattest, nicht gefallen, dann hätte sie sich wenigstens in ein Handtuch wickeln können. Da ist auch ein Bademantel und im Abstellraum im Wäschefach sind Sweater, Hemden, Hosen, alles, sie findet sich doch sonst zurecht. Alles zu groß, gewiss, aber man kann doch improvisieren. Ist sie so dumm? Kann sie sich denn gar nicht helfen? Und wenn das beim Putzen stört, sie muss ja nicht putzen, hat doch niemand von ihr verlangt.

So kann sie jedenfalls nicht hier herumlaufen. Oder ist das jetzt die besondere Dienstleistung, die du im Delirium bestellt hast? Sondermodell Schlamm-Schlampe mit Aufwischen in Natur-Montur? Dann wäre ja wohl wenigstens eine Ansage fällig gewesen, war ja eher Zufall, dass du es überhaupt bemerkt hast, hättest die Nummer ja beinahe glatt verschlafen. Du willst das nicht. Ein Männertraum, ja, aber eben ein Traum und nicht die Wirklichkeit. Und schon gar nicht jetzt, und nicht hier in deiner eigenen Wohnung. Anonym, in einem Hotelzimmer vielleicht, du hast sie bestimmt nicht bestellt, nicht einmal im Delirium. Schlampe. Else. Else hat sie bestellt, um dich zu vernichten. In der Küche, bei Festbeleuchtung, du liebe Zeit.

Das ist doch verrückt, jetzt spinnst du aber. Sie ist überhaupt nicht professionell. Alles verkehrt, da passt gar nichts. Dieses hektische Herumgewusel hat überhaupt nichts verführerisches. Sie putzt einfach. Will einfach nur ihren eigenen Dreck wegmachen, die Gute, kann man ihr nicht hoch genug anrechnen, dieser Generation, die sonst immer alles stehen und liegen lässt. Ihre Generation. Das ist ihre Generation, die haben einfach ein natürliches Verhältnis zu ihrem Körper, laufen zuhause immer so herum, praktisch, keine verschwitzten Klamotten nach dem Putzen. Wenn du damit Probleme hast, dann liegt das an dir, du bist einfach furchtbar altmodisch und verklemmt mit deiner Kleiderordnung. Nicht nötig, alles ganz einfach.

Was rasselt sie jetzt mit der Türkette? An der Wohnungstür, mehr Licht im Flur, aus dem Treppenhaus. Du zitterst wieder, rollst dich zusammen, diese Angst, ihre Komplizen, sie lässt ihre Komplizen herein.

Klappern, Eimer, Schaufel, Wischmop, wie das hallt, durchs ganze Treppenhaus. Muss sie denn jetzt auch noch das Treppenhaus reingigen. Mitten in der Nacht. Ja schon, die Pfütze vor deiner Tür, die hättest du selbst gerne noch weggemacht, ganz leise, aufwischen, zur Seite schieben wenigstens, dass die Leute morgens nicht vorbeiklettern müssen, aber das muss sie doch nicht tun, kannst du doch machen. Ob sie sich denn jetzt wenigstens etwas übergezogen hat? Das ist doch Gemeinschaftsbereich, das Treppenhaus. Das kann sie nicht machen, da so herumlaufen, unmöglich.

Gut, wenn jemand kommt ist sie schnell wieder in der Wohnung. Nur der Else kann sie nicht entkommen, aber die ist ja selber involviert, oder nicht zuhause, oder beides, sitzt im Überwachungswagen, drei Straßen weiter.

Das ist jetzt die Gelegenheit für dich. Mach die Wohnungstür zu, dann bist du sie los. ... Nein, sie aussperren, ohne Kleider, das wäre zu gemein. ... Du immer mit deiner Rücksicht, was ist denn mit dir? Schon vergessen, wie du gezittert hast, gerade eben noch. Die denkt auch nicht an dich, lässt dich hier warten, wie auf heißen Kohlen. Einen Riesenlärm würde sie machen, aber dann würdest du die Polizei rufen, Hausfriedensbruch. Zur Not wäre da ja auch immer noch Else, wo sie sich hinflüchten könnte. ... Aber wenn Else gar nichts damit zu tun hat. ... Wenn sie nicht zuhause ist. Hör auf. Das bringst du sowieso nicht übers Herz. Trotz allem, was dir diese Schlampen-Marie da angetan hat.

Irgendwann muss sie zu dir in die Kammer kommen. ... Aber bitte nicht so, das darf sie nicht. Wenn sie hier so hereinkommt, dann kriegt sie etwas zu hören. Das kannst du nicht zulassen. Vielleicht springt sie dir gleich auf den Schoß, direkt vor der Rauchmelderkamera. ... Auf dem Sessel, die Wolldecke, die nimmst du an dich, breitest sie aus, hälst einen Zipfel fest in jeder Hand. Für alle Fälle, wenn sie nichts anhat, kannst du sofort aufstehen, direkt auf sie zugehen und sie damit bedecken. Dann weist du sie zurecht, sagst ihr, dass sie sich etwas anziehen soll. Dass bloß keine verfänglichen Bilder entstehen. Diese Kamera ist unerträglich, schon wenn du hier sitzt, ganz normal, schon das ist nicht richtig, so demütigend, was hast du der Else denn bloß getan?

Wie lange noch? Allmählich bezweifelst du, dass sie dir überhaupt noch einmal zu Gesicht kommt, veschwindet einfach, war nie da, alles Einbildung, Demenz, ein böser Traum, das Ende.

...

»Hallo, bist du wach?«

Ein sanfter Weckruf.

»Nein ... Was? ... Ja .... Verzeihung ... Nur kurz eingenickt.«

Das große Licht geht an, dein Mariechen in der Tür, wie die leuchtende Sonne.

Sie schaut dich an. Ohne die Lehmkruste wirken das Blau ihrer Augen und das Rot ihres Mundes jetzt weniger grell. Ihr Haar hat gelitten, eine seitlich abstehende strohige Matte. Ansonsten ein erfreulich frisches, jugendliches Gesicht, voller Heiterkeit und Zuversicht. Eine ungeschminkte Schönheit, die von innen leuchtet.

Wie schön sie ist. Und das schönste ist, sie hat sich etwas angezogen.

Dein Sonnenschein.