Epilog: Gerda

Am Ende

Hauptperson, Singulär

des Außengangs, an den Boxen vorbei, entdeckt Kai in einer breiten Mauernische ein zweiflügeliges Tor, davor aufgereiht sechs hüfthohe Stahlpoller, eine Art Pferdeparkplatz. Kai vermutet die Sattelkammer hinter dem Tor. Er schaut Dorisa fragend an, die nach einer kurzen Unsicherheit sich am letzten Poller quer zum Gang aufstellt und anscheinend darauf wartet, dass Kai etwas tut, wenn Kai nur wüsste, was.

Inzwischen komt Mona stolz und glücklich mit Diana den Gang entlang geschritten. Sie winkt Kai mit dem Ende des Führstricks zu: ›Na, Kai‹, scherzt sie‹, ›haben sie dich auch an die Leine gelegt?‹ - ›Ja‹, lacht Kai, ›So fühlt es sich an.‹

Diana nimmt sich Dorisa zum Vorbild und parkt am ersten Poller ein. Schließlich kommt Gerda aus dem Tor heraus und amüsiert sich über die vier hilflos herumstehenden Gestalten. - ›Tja‹, lacht sie, ›sich selbst anbinden haben die beiden noch nicht gelernt.‹ Damit nimmt sie Kai und Mona die Stricke ab und bindet die Pferde an ihrem jeweiligen Poller an. Symbolische Bindung: Stehen bleiben, still halten!

Vor dem Satteln müssen Bauch und Rücken der Pferde mit Striegel und Kardätsche von Schmutz und Staub befreit werden. Gerda geht Mona mit Diana zur Hand, Oma Phil hilft Kai mit Dorisa. - ›Nur feste‹, ermutig Oma Phil den Jungen, ›das tut ihr nicht weh. Du genießt es doch auch, wenn der Friseur dir die Haare bürstet.‹ - Ein Punkt, in dem sich Kai nicht so sicher ist.

Oma Phil zeigt Kai, wie die Schabracke aufgelegt und glattgestrichen wird. Gerda kommt zur Hilfe, legt den Sattel auf, zieht den Gurt an und wendet sich dann wieder Diana zu. Nachdem beide Pferde gesattelt sind und Oma Phil noch einmal alles überprüft hat, bittet sie Gerda, jetzt die Mehlsäcke zu holen.

Gerda verschwindet in der Sattelkammer, poltert dort eine Weile herum und kommt dann mit der enttäuschenden Botschaft heraus: ›Mehlsäcke sind aus!‹

›Hm‹, Oma Phil ist ratlos, ›keine Mehlsäcke, was machen wir denn dann?‹ - ›In der Speisekammer steht noch ein Sack Kartoffeln‹, schlägt Gerda vor. - ›Gerda! Wie kannst du nur‹, schimpft Oma Phil, ›du weißt doch genau ...‹ - ›Ja, Oma Phil, ich weiß‹, bekennt Gerda reumütig, ›Pferde nie mit Kartoffeln beladen. Hast du mir hundertmal gesagt.‹

›Das will ich meinen‹, bekräftigt Oma Phil, ›aber ohne Last wird Dorisa nicht laufen. Ich würde gerne etwas versuchen.‹ Mit einem Augenzwinkern bittet sie Gerda, das passende Zaumzeug für Kai herauszusuchen. Kai ahnt Schreckliches, aber das Zaumzeug erweist sich zum Glück als Reitkappe, die Gerda ihm fachgerecht anlegt.

Ob es ein Glück ist, muss sich erst erweisen. Oma Phil bedeutet Kai auf eine Klapptreppe zu steigen, die sie rechts neben Dorisa aufgestellt hat. Spätestens jetzt ist Kai klar, was Oma Phil von ihm erwartet, nämlich auf das Pferd zu steigen. - ›Oma Phil, ich kann doch nicht reiten‹, versucht Kai sich zu retten, ›das ist so hoch, wenn ich da runterfalle.‹ - ›Ach was!‹ wehrt Oma Phil seine Einwände ab. ›Dass du nicht reiten kannst, weiß ich selbst. Aber du kannst sitzen. Eine ganze Stunde hast du am Esstisch gesessen und bist nicht vom Stuhl gefallen. Warum solltest du vom Pferd fallen?‹

Ja, warum? Warum lässt Oma Phil Kai nicht in Ruhe? Was soll er tun? Fliehen, einfach weglaufen? Das will er Gerda nicht antun. Erstarren, dass ihn keiner mehr sieht? Das funktioniert nicht. Kämpfen, sich wehren? Das kann er nicht. Ihm bleibt nur, den Konflikt im Gespräch zu lösen: ›Oma Phil, ich habe eine Abmachung einzuhalten.‹

›Ein Abmachung‹, wundert sich Oma Phil, ›hat dir Lotta etwas eingeredet, von wegen Pferde und Menschen, dass du nicht reiten sollst?‹ - ›Nein‹, wundert sich Kai, ›mit Lotta hat das nichts zu tun, ich habe eine Abmachung mit Dorisa.‹ - ›Mit Dorisa, haha‹, lacht Oma Phil, ›was für eine wunderbare Überraschung. Und, darf man fragen, welcher Art eure Abmachung ist?‹

›Eine ganz einfache Abmachung, eine Vertrauensabmachung‹, antwortet Kai mit ernster Stimme, ›Dorisa und ich, wir haben abgemacht: ich tu dir nichts, du tust mir nichts.‹

›Oh, das ist aber eine schöne Abmachung‹, lobt Oma Phil, ›die solltest du unbedingt einhalten. Aber jetzt schau dir mal Dorisa an, wie traurig sie dasteht mit ihrem leeren Sattel. Die wünscht sich nichts lieber, als dich endlich tragen zu dürfen. Und du weigerst dich, von ihr getragen zu werden. Willst du ihr das wirklich antun. Denk an deine Abmachung.‹