Epilog: Gerda
Hauptperson, Singulär
an Tragen und Getragenwerden. Gerda hat ihn aufgefangen und getragen, als Lotta ihm die Beine weggezogen hat. Als kleines Kind hat sein Vater ihn auf den Schultern getragen. Menschen tragen Menschen. Aber will ein Pferd einen Menschen tragen? Diana und Dorisa sind freudig an den Zaun gelaufen, als sie ihre Menschen gesehen haben. Die Zottel haben mit fröhlichem Wiehern geantwortet, als sie ihre Menschen gehört haben. Die Pferde hier sind keine Wildpferde. Sie sind mit den Menschen aufgewachsen. Egal, was Lotta sagt, Pferde sind auch nur Menschen.
Kai kann seinem Vater über die Schultern schauen, über Dorisas Rücken kann er nicht schauen. Da oben zu sitzen muss schön sein, gerne würde er sich von Dorisa tragen lassen. Nur, wie kommt er da hinauf?
Kai betrachtet die gesamte Konstruktion. Zwei Wirbeltiere, ein großes Pferd, ein kleiner Mensch. Bewegliche Gebilde aus Knochen, Muskeln, Sehnen, die sich fortwährend ausbalancieren müssen, um nicht umzufallen. Wenn eines das andere trägt, dann müssen beide gemeinsam das Gleichgewicht halten. Das erinnert eher an ein Kartenhaus, als an einen Gartenstuhl. Kai muss sich auf Dorisa verlassen, auf ihre Erfahrung im Tragen von Menschen.
Oma Phil wird ungeduldig, sie redet auf Kai ein, was er tun soll, was er lassen soll. Gerda macht Oma Phil darauf aufmerksam, dass Kai sie nicht hören kann, weil er jetzt vollkommen in seinen Gedanken versunken ist. Oma Phil muss sich gedulden.
Kai steigt auf die höchste Stufe der Treppe. Dem Sattelgurt traut er nicht, auch nicht den Steigbügeln, er denkt sich beides weg. Auf der Treppe stehend lehnt er sich bäuchlings an Dorisa an, beugt sich über ihren Rücken, dreht sich langsam und vorsichtig in den Sattel ein und korrigiert seinen Sizt so, dass die Schwerpunkte beider Leiber exakt übereinander liegen.
Oma Phil schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, du meine Güte, so etwas hat sie noch nicht gesehen.
Mona hat der Prozedur interessiert zugeschaut und möchte jetzt auch reiten. Sie spürt, dass Diana sie gerne tragen möchte und im Gegensatzt zu Kai hat sie sogar Reiten gelernt. Gerda macht sich ernsthafte Sorgen. Sie fragt sich, wie viel Champagner und Kräuterlikör Mona heute schon getrunken hat und ob Alkohol einen guten Sitz eher verhindert oder befördert.
Oma Phil tut sich schwer damit, die drei Wochen Reiterferien, die Mona als Kind auf einem Ponyhof verbracht hat, als Reitausbildung gelten zu lassen. Schlussendlich wird man sich aber einig und Monas Aufstieg, ganz ohne Abmachungen und Gedanken, dafür aber mit Steigbügel und Sattelgurt, erweist sich als der effektivere Weg gegenüber Kais eigenwilliger Technik.
Bevor es losgeht, stattet Gerda beide Sättel mit Sattelgriffen und Monas Steigbügel mit Tapaderos aus. Kai fürchtet, die nutzlos am Sattel baumelnden Steigbügel könnten Dorisa wehtun und bittet Gerda, sie abzunehmen.
Am Halfter werden Zügel befestigt, Zaumzeug brauchen die Pferde zum Spazierengehen nicht. Sie müssen nur im Schritt gehen und genießen einige Freiheiten, die ihnen beim richtigen Reiten verwehrt sind. Für die Pferde das reinste Vergnügen.
Der Pferdeparkplatz liegt an der Zufahrt zum Vorplatz, gegenüber dem Parkplatz, wo Oma Phils kleiner Jagdwagen und der große Omnibus abgestellt sind. Durch ein breites Schiebetor verlassen die Spaziergänger die Umzäunung und versammeln sich auf der Zufahrt. Oma Phil ruft die beiden Hunde dazu, Gerda nimmt ihren kleinen Esel mit, der nicht alleine zu Hause bleiben will. So macht sich die kleine Schar auf den Weg, neun Leute zusammen, darunter zwei Pferde, zwei Hunde und ein Esel.
Copyright © 2026 by Karola Hausmeister