Epilog: Gerda

Genug

Hauptperson, Singulär

vom Koppelbergkrieger, wir wollen lieber etwas singen. Carlos möchte gerne ein spanisches Lied zu Ehren seiner Mutter Dolores singen. - ›Mein lieber Sohn‹, beschwert sich Oma Mia, ›mein Name ist Maria, Freunde nennen mich Mia, und dein Name ist Karl, ein schöner Name, den ich dir selbst zu Ehren deines Vaters selig gegeben habe. Der hat auch Karl geheißen. Wenn du nun glaubst, spanischer Herkunft zu sein, und Carlos genannt werden möchtest, dann tut mir das leid. Aber halte mich da bitte heraus, ich habe mit Spanien nichts zu tun.‹ Und dann fügt sie noch hinzu: ›Wir können aber deiner fixen Idee zuliebe gerne ein spanisches Lied singen, wenn du das möchtest.‹

Egal, was Carlos möchte, alle anderen möchten gerne ein spanisches Lied singen. Gabriel schlägt das rührende Lied mit der verwunschenen Taube vor. Lotta ist für das lustige Lied mit der lahmen Küchenschabe. Man kann dazu gut tanzen und nach dem vielen Zuhören tut ein wenig Bewegung allen gut. Das Los fällt auf die Küchenschabe. Gabriel hat Bedenken, was die Provenienz des Liedes angeht und ob es mit der Aufsichtspflicht über die Mädchen vereinbar ist. Veras vernichtender Blick bringt ihn aber zum Schweigen und lässt ihn zur Gitarre greifen.

So stellt sich die Kapelle auf: Gitarre, Violine, Tamburin, Bandoneon, dessen schiefer Klang das lustige Lied nur noch lustiger macht, und die ʻUkulele für den Hinkefuß. Die Gitarre beginnt langsam mit den Akkorden, das Tamburin nimmt zögerlich den Rhythmus auf, die Violine sucht vorsichtig die Melodie zusammen, das Bandoneon brummt je nach Laune dazwischen, die ʻUkulele hinkt mehr benebelt als gehüpft, mehr ʻuku als lele. Eine Weile braucht es, bis die Musik in Gang kommt, dann gibt Gabriel den Text vor, eingedenk des Vormundes die kindgerechte Fassung.

Das Publikum erhebt sich, dreht sich im Kreis, schwingt, schwankt, greift die Worte auf, den Kehrreim, die Verse, immer wieder, immer wieder, erst langsam, dann schnell, schneller, am schnellsten: klimper, klamper, klim, klam, klum; kaka, laka, ritsch, ratsch, no; rada, fada, cu, ca, ya; scheppel, deppel, bum, bum, buh; fiedel, diedel, bum, bum, buh; scheppel, deppel, brimm, bramm, brumm; hahaha, hehehe, hihihi; holter, polter, quietsch, quatsch, quo; hohoho, hahaha, hehehe, hihihi; scheppel, deppel, bum, bum, buh; scheppel, deppel, scheppel, deppel, scheppel, deppel, scheppel, deppel; ... Rumms! - Das Lied ist aus, die Gäste biegen sich vor Lachen und fallen einander in die Arme.

Nur Heinz bleibt sitzen, wartet, dass sich alle beruhigen, beginnt dann zu spielen, eine romantische Melodie, leicht melancholisch verstimmt, und er singt mit rauer, sanfter Stimme von der schönen Stadt, von dem lieben Fischmädchen, das mit seinem Bollerwagen durch die Straßen bollert und Meeresfrüchte verkauft, frisch aus dem Meer, lebendig, alive, alive‑O! - Kein Wunder, der Vater, die Mutter, alive, alive‑O! - In der letzten Stophe wird das Mädchen krank und stirbt und niemand kann es retten und nun bollert sein Geist durch die Straßen, alive, alive‑O!

Aber so weit kommt es nicht. Wenn Heinz sein ›alive, alive‑O!‹ ausruft, dann geht es nicht mehr um lebenden Fisch, dann ist das ein einziger Schrei nach Leben, alive, alive‑O! - Noch bevor das Fieber des Mädchens steigt, wird Heinz von einem Schauder ergriffen, er versucht, mit gebrochener Stimme weiterzusingen, da erschallt ein lauter Krach, als sei im Bandoneon etwas zerbrochen, und Heinz sinkt jämmerlich schluchzend in sich zusammen. Er muss doch weitersingen, aber er kann nicht mehr.

Die Gäste sind bestürzt, auf ein solches Unglück waren sie nicht gefasst. Jemand muss sich um Heinz kümmern. Warum tut Kai denn nichts, es ist doch sein Vater. Schließlich sind es Lotta und Gerda, die furchtlosen Schwestern, die sich einen Ruck geben. Lotta, mit ihrer praktischen Vernunft, nimmt Heinz das schwere Instrument ab. Gerda setzt sich zu ihm, ergreift seine Hand und redet tröstend auf ihn ein: ›Heinz, beruhige dich, du musst nicht weitersingen, wenn es nicht geht.‹ - Heinz schaut Gerda entsetzt an: ›Was weißt du denn, was willst du mir sagen, es muss doch gehen, die letzte Stophe.‹

›Höre Heinz‹, spricht der Engel Gabriel, ›gemeinsam wird es gehen.‹ - Ganz leise streicht der Engel über die Saiten seiner Gitarre, lässt langsam die Melodie aus den Akkorden erstehen, nimmt zusammen mit Heinz das Lied wieder auf, die letzte Strophe, mit zärtlicher Empfindsamkeit lassen die beiden das arme Mädchen sanft entschlummern. Am Ende fallen alle Gäste ein, singen den Kehrreim im Chor, immer wieder, leise und behutsam, als wollten sie einen Toten ins Leben zurücklocken: alive, alive‑O!

›Gruselig‹, flüstert Brigitte.