Epilog: Gerda
Hauptperson, Singulär
ist inzwischen von einem gleißenden Heizfeuer zu einem schummrigen Wärmefeuer heruntergebrannt und die übrigen Lagergesellen sind gerade dabei, sich im Steinkreis einzurichten, als die vier Nachzügler ankommen und freudig empfangen werden ob des glücklichen Ausgangs ihrer abenteuerlichen Mission.
Neben dem Rund steht der Bollerwagen bereit mit der Kühlbox für Kaltgetränke, heißem Tee in Thermoskannen, der Brotkiste mit belegten Broten auf die Hand, Emaillebechern in verschiedenen Farben und Dekors, obendrauf Wolldecken und Sitzkissen.
Alle Gäste fassen sich an den Händen, bilden einen Kreis um das Feuer, tanzen einen Ringelreihen und singen das Lied vom schönsten Land der Welt, das überall da ist, wo wir Menschen uns in Friede und Freude zusammenfinden und Lieder singen und Geschichten erzählen, ob auf dem Koppelberg unter freiem Himmel oder unter Palmen im schönen Hawaiʻi.
Kai fragt sich, wozu das Lagerfeuer gut sein soll, singen und tanzen könnte man doch genauso gut in der Kantine oder im Stall in der großen Eingangshalle. Da wäre Licht und eine richtige Heizung und es wäre insgesamt viel bequemer. Er sagt aber nichts, er will kein Spielverderber sein.
Nach dem Ringelreihen und nach Gerdas Lieblingslied kündigt Lotta die erste Geschichte an, die sie Gerda zu Ehren erzählen will. Ein jeder soll seinen Platz auf den Holzbänken im Rund suchen, je nach Bedarf Sitzkissen und Wolldecke dazuholen, die Trinkbecher füllen und sich mit Butterbroten versorgen, denn bei Lotta weiß man nie, ob ihre Geschichten je ein Ende finden, da sollte man gut vorbereitet sein, dass man nicht erfriert oder verhungert oder verdurstet.
Lotta erzählt eine alte Sage mit prophetischer Bedeutung: Die Legende von der Rückkehr des Koppelbergkriegers. Und wenn Lotta erzählt, dann kann sie nicht still sitzen, bei ihr geht es immer lebendig zu. Sie läuft hin und her im Kreis, verstellt ihre Stimme, mimt alle Rollen, springt über Steine, fliegt übers Feuer, schwingt die Axt, dass ihren Zuhörern angst und bange wird und sie sich verzweifelt an ihren Teetassen festhalten.
Nichtsdestotrotz ist das Publikum begeistert und nach dem letzten Wort und dem verdienten Applaus wird es still und in der Stille erklingt eine Violine, die Mutter Vera gibt ihrer Tochter Lotta ein Ständchen, eine alte italienische Weise vom Fliegen und vom Singen und vom blauen Himmel, der inzwischen sehr, sehr dunkel geworden ist und voller Sterne. Lotta erkennt die Melodie und beginnt zu singen und sie singt so schön und alle summen mit und am Ende sind alle ganz gerührt und still.
Still, still, still, nur einer wagt es, die Stille zu stören. Das Mädchen Brigitte klatscht in die Hände, sie will auch eine Geschichte erzählen, nicht so lang und lebendig wie Lotta, aber lustig und vielleicht ein bisschen frech. Ob sie die erzählen darf? - ›Sei nicht so vorlaut. du störst‹, zischt Barbara sie an. - ›Ja, danke. Frau Jantzen‹, erwidert Brigitte trotzig, ›hör auf, mich zu bevormunden, ich bin kein kleines Kind mehr.‹
›Ich glaube eine Geschichte kann uns weit weniger stören, als keine Geschichte‹, mischt sich Oma Phil ein, ›noch besser wären zwei Geschichten. Vielleicht will Barbara uns auch eine Geschichte erzählen. Jetzt wollen wir uns aber erst einmal auf Brigittes Geschichte freuen, also Brigitte, wir sind gespannt.‹
Und Brigitte erzählt die Geschichte: Wie der Koppelbergkrieger eine große Verwirrung mit einem einzigen Hieb seiner Axt auflöste. Eine sehr kurze und sehr lustige Geschichte, und natürlich kann eine Geschichte nicht lustig sein, wenn sie nicht auch ein wenig frech ist. Am Ende müssen alle lachen und klatschen und Brigitte strahlt vor Glück, dass ihre Geschichte den anderen gefallen hat und dann sagt sie noch: ›So, Barbara, jetzt du.‹ - ›Was ich?‹, fragt Barbara. - ›Na, deine Geschichte.‹ - ›Welche?‹ - ›Na, die mit dem Pferd.‹ - ›Ach, die.‹ - ›Ja, los.‹
Und Barbara erzählt die Geschichte: Wie der Koppelbergkrieger sein Pferd mit Hufeisen aus purem Gold beschlagen ließ und der König dafür zahlen musste.. Eine listenreiche Übertölpelung, die Oma Phil mit der Bemerkung kommentiert: ›Welch ein Glück für unseren König, dass wir hier schon lange keinen König mehr haben.‹
Wer weiß noch etwas vom Koppelbergkrieger? Kai weiß alles über den Koppelbergkrieger, aber er sagt nichts. ›Wollt ihr denn noch eine Geschichte hören?‹ fragt Gerda. Ja, und Gerda erzählt: Wie der Koppelbergkrieger nach Jerusalem einzog und alle Kreuze zu Kleinholz hackte.
Als aber Oma Phil an der Reihe ist, stellt sich heraus, dass sie niemals zuvor etwas von einem Koppelbergkrieger gehört hat. Auch Oma Mia und Carlos und Vera und Mona und Heinz, ja selbst Gabriel, hören das Wort Koppelbergkrieger heute zum ersten Mal.
Brillenfee kann das gar nicht glauben, wo der Koppelbergkrieger doch weltberühmt ist, also den kennt jedes Kind auf der ganzen Welt. Zum Beweis erzählt Brillenfee eine lustige Geschicht, die man sich besonders gerne an polynesischen Lagerfeuern erzählt: Wie der Koppelbergkrieger auf einer einsamen Insel gestrandet ist, sich ein Doppelrumpfboot aus Zaunpfählen gebaut hat und mit einem Esel als Navigator nach Hause gesegelt ist.
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