Zweites Buch: Lotta

Terrakotta

Zweite Person, Singular

Vollkommene Stille, als wärest du plötzlich taub. Deine Glieder schmerzen und du hast Hunger. In der Küche findest du nur trockenes Brot und zwei Flaschen Bier. Mit dem Bier wankst du zurück in die Kammer.

Lass dich nieder auf dem weichen Lager.

Die Leere in deinem Kopf wird unerträglich, dir fehlen die sinnlichen Eindrücke. Wenigstens einmal am Tag solltest du ausgehen, einkaufen oder einen Spaziergang machen.

Du schaltest den Fernseher ein. Bilderflut, Jubelschreie, Todesschreie, zapp, zapp, zapp.

Das gute: du bist dabei, doch nicht gefordert. Keine Rede, keine Antwort. Wenn der Schlaf kommt, lässt du dich einfach fallen.

Was dich festhält, immer wieder, ein Programm mit Damenringkämpfen im Schlamm. Die Damen heißen Molly oder Iris und sehen aus wie amerikanische Cheerleader. Schon bald nach Einläuten der ersten Runde, wenn sie zu Boden gehen, tauchen sie ein, und sekundenschnell sind ihre spärlich bekleideten Leiber fast vollständig bedeckt von einer wasserglänzenden Schicht aus flüssigem Lehm.

Und damit ist alles verwandelt. Der Kampf hat verloren, das edle Turnier ist zum Vorwand verkommen. Die Eingeschlämmten widmen sich nun der schönen Kunst der Bildhauerei. Zum Leben erweckte Terrakotta-Skulpturen, weibliche Formen, ineinander verschlungene Glieder, Runde für Runde sich selbst neu gestaltend.

Du legst die Brille ab. Mit geschlossenen Augen lauschst du den hellen Stimmen der Frauen, wenn sie vor Anstrengung stöhnen, oder kreischen vor Wut. Gespielte Wut, wenn sie aus der Rolle fallen und beginnen hemmungslos zu lachen.

Und das willst du festhalten, wenn der Schlaf kommt, dass es nicht verloren geht, der letzte Klang in deinem Ohr, das Lachen der Mädchen.

Ganz anders die männliche Stimme des Reporters, die lauthals so tut, als ginge es um einen Sport. Auf die würdest du gerne verzichten.

Das Bier tut seine Wirkung. Keine Kraft mehr für unreine Taten. Langsam dämmerst du dahin, die Stimmen deiner schlammschöpfenden Heldinnen im Ohr und die eines dummen Tropfs. »Ding, dong, ding, dong.« Irgendwo in der Ferne läutet eine Türglocke die Runden ein. »Ding, dong, ding, dong, ding, dong.« Nein, nicht irgendwo, und nicht so fern, es läutet an deiner Tür.