Epilog: Gerda
Hauptperson, Singulär
aber nicht hinunter zum Gelben Haus gehen, ohne sich vorher von Oma Phil zu verabschieden, und so machten sie sich auf die Suche und fanden Oma Phil schließlich im Kontor beim Telefonieren. Diese winkte die Kinder herbei, bedeutete ihnen aber vorerst zu schweigen.
›Carlos‹, flüsterte Lotta. Gerda nickte, denn auch sie hatte an Oma Phils Ton den Sprecher am anderen Ende der Leitung erkannt. Als das Gespräch beendet war und Oma Phil den Hörer endlich auflegte, wandte sie sich den Kindern zu.
›Also‹, verkündete sie, ›es ist alles ganz anders. Carlos ist gekommen und es gibt ein großes Fest. Weil das Wetter so schön ist wollen wir draußen feiern, hier oben auf dem Berg, wegen der besseren Luft. Mit großer Festtafel, nachmittags Kaffee und Kuchen, abends Lagerfeuer. Ein Fest des Lebens. Carlos und Vera haben sich schon zu Fuß auf den Weg gemacht. Gabriel ist mit dem Omnibus unterwegs um Mia zu holen. Kai ist mitgefahren, weil sie hoffen noch einige Leute vom Hafenrand einzusammeln. Vielleicht können sie Heinz überreden und vor allem Mona. Und vielleicht kommt auch noch das eine oder andere der Mädchen mit, für die Pferde. Ich hatte ja alles abgesagt - wegen des Trauerfalls‹, seufzte Oma Phil - dann erhellte sich ihre Stimmung und sie strahlte: ›Aber jetzt haben wir einen Glücksfall zu feiern, und da wollen wir uns freuen.‹
Oma Phils Botschaft gab den Schwestern zu denken: warum war Carlos überhaupt gekommen und warum kamen er und Vera den Berg zu Fuß hinauf? Und Kai und Gabriel die ganze Strecke zu Oma Mia allein im selben Wagen, ob das gutging? Und wenn, wie sollte ausgerechnet Kai irgenwen zu irgendwas überreden?
Nun, die Rätsel mussten warten. Jetzt galt es erst einmal den Bollerwagen zu holen, um Vera und Carlos mit dem Gepäck zu helfen. Die Kinder zogen den Wagen bis an den Waldrand, ließen ihn dort stehen und stapften den Abhang durch den Wald hinab, wie sie es seit jeher getan hatten. ›Mama, Papa, wartet, wir kommen!‹ rief Lotta ihren Eltern entgegen. Etwa auf halber Strecke nach oben standen sich die vier dann gegenüber. Das Gepäck hatten die Alten abgesetzt: die schwere Kühlbox, darauf eine Holzkiste mit Gemüse und Obst, je eine große Tragetasche, und auf dem Rücken je einen schweren Rucksack.
Eine herzliche Begrüßung wollte nicht in Gang kommen, stattdessen herrschte betretenes Schweigen. Carlos sah seine Tochter lange entgeistert an, bis endlich ein enttäuschtes ›Kind, was haste denn mit deinen Haaren gemacht?‹ über seine Lippen kam. Als er schließlich versuchte, eine Hand auf Lottas Kopf zu legen, erntete er dafür nur ein scharfes ›Nein!‹ aus Lottas Mund. ›Nein‹, wiederholte Carlos kleinlaut und zog die Hand schüchtern zurück.
Um die Situation zu retten, drängte sich Vera vor, nahm ihre Tochter in den Arm und sagte: ›Grüß dich, Lotta. Schön, dass du wieder da bist‹, und an Carlos gewandt: ›Karl, jetzt mach nicht so ein sauertöpfisches Gesicht. Steht deiner Tochter doch gut, die neue Frisur. Und ihr durchs Haar zu wuscheln, dazu ist sie nun wirklich zu alt. Die Zeiten sind wohl endgültig vorbei.‹
›Na, dann‹, sagte Carlos resigniert und machte Anstalten - wohl eher aus Verlegenheit - seine Tasche und auch die Box wieder aufzunehmen. Lotta aber hielt ihn zurück und schlug versöhnliche Töne an: ›Ach, Carlos, lass uns wieder gut sein. Ich ahnte doch nicht, dass dich die kurzen Haare so erschrecken würden. Steh auf und schau mich an. In den Arm nehmen darfst du mich schon, wenn du mich begrüßen willst. Ich hab mich doch so gefreut, dass du gekommen bist. Und was das Wuscheln angeht, ich kann dir ja zu Weihnachten einen goldenen Pudel schenken. Komm, ich will dich wieder lachen sehn.‹
»E Gerda, he aha kou pilikia,ʻ ike ʻole ʻia ʻoe?«
»Brillenfee, warst du das, hast du was gesagt?«
»ʻAe, ke noʻonoʻo nei au no ke aha ʻaʻole hoʻi e hoʻolohe iki mai ana ʻo Carlos lāua ʻo Vera iā ʻoe; ʻaʻole hiki iā lākou ke ʻike iā ʻoe?«
»Ja, manchmal glaube ich wirklich, dass ich unsichtbar bin. Carlos weiß gar nicht, wer ich bin und Vera zeigt mir schon ewig die kalte Schulter. Ich weiß auch gar nicht, warum Carlos gekommen ist und was wir feiern wollen. Dass es um meine Rettung geht, war ja deine Idee.«
»A he aha kāu e hana ai i kēia manawa?«
»Was werde ich tun? Was tun, wozu denn?«
»I ʻike ai ʻo Carlos lāua ʻo Vera iā ʻoe.«
»Dass Carlos und Vera mich beachten? Was meinst du denn? Soll ich einen Handstand machen oder einen wilden Tanz aufführen oder sie bei den Schultern packen und schütteln?«
»Hiki iā ʻoe ke hana i kēlā. Akā hiki nō hoʻi iā ʻoe ke kamaʻilio pū me lākou.«
»Ich könnte etwas sagen - ja - ich weiß aber immer nicht, was ich sagen soll.«
»Eia kekahi laʻana, hiki iā ʻoe ke ʻōlelo ›Aloha!‹.«
»Na, dann.«
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