Epilog: Gerda

Nachdem Lotta und Gerda

Hauptperson, Singulär

sich in aller Schicklichkeit geherzt und geküsst hatten, nahm Lotta ihrer geliebten Schwester beide Hände und schaute fragend zu ihr auf: ›Oh, Gerda, Gerda, Gerda, meine allerliebste Gerda. Was ist denn bloß in dich gefahren, hinter mir her zu springen. Du bist in den Fluss gesprungen, obwohl du nicht schwimmen kannst. Wir glaubten schon, wir hätten dich verloren. Oma Phil hat so um dich geweint, und ich weiß gar nicht, ob ich sie je zuvor hab weinen sehen. Aber warum? Gerda, warum hast du das getan?‹

›Ich weiß es nicht‹, antwortete Gerda verunsichert, ›ich glaube, ich wollte dich retten. Oh Lotta, ich hatte doch solche Angst um dich.‹

›Aber Gerda‹, wandte Lotta ein, ›mich retten? Was hast du denn geglaubt, das mir geschehen könnte? Du weißt doch, dass du um mich keine Angst haben musst.‹

›Ja, das sagst du wohl, Lotta. Aber wenn ich nun mal Angst hatte? Kai hat gesagt, du wolltest vor deinen Schöpfer treten, und da hab ich gedacht, du wolltest dir etwas antun.‹

›Ach, der Kai‹, Lotta winkte ab, ›der Kai sagt viel, wenn der Tag lang ist. Ja, ich habe unseren Schöpfer besucht, aber der hat mich nicht mal erkannt, und von dir hat er auch noch nie gehört, angeblich. Ich weiß auch nicht, was mit dem los ist. Entweder kann er mich nicht festhalten, oder er will nicht. Jedenfalls können wir von dem nichts erwarten. Ich fürchte, Gerda, wir werden uns gegenseitig festhalten müssen.‹

›Ja, Lotta, ich weiß‹, Gerda nahm Lotta fest in den Arm und flüsterte ihr ins Ohr: ›Gehirn verschmurgelt.‹

Lotta löste sich aus der Umarmung und sah Gerda erstaunt an. ›Gehirn verschmurgelt‹, ließ sie sich die Worte noch einmal auf der Zunge zergehen, ›du meinst, er hat zu lange in der Sonne gesessen. Wohl möglich, aber woher weißt du?‹

›Ja, Lotta, so etwas weiß ich eben‹, erwiderte Gerda gereizt, ›und ich weiß auch, dass Kai fast nie etwas sagt, egal wie lang der Tag ist. Und dass du mich nicht schelten darfst, weil ich versucht habe, dein Leben zu retten, das weiß ich auch. Und wenn du so etwas nicht weißt, warum fragst du mich dann nicht? Du musst mich immer fragen.‹

›Ach, Gerda, verzeih‹, bat Lotta reumütig, ›du hast ja recht. Du bist so ungeheuer mutig, wärest beinahe für mich gestorben. Und ich? Wie soll ich dir das je vergelten? Das kann ich nicht. Was ich mache, sieht immer so gefährlich aus, dabei bin ich der allergrößte Feigling. Ich geh nie ein Risiko ein, weiß immer vorher, was geschieht. Und wenn's geschieht, dann mach ich's nicht. Vielleicht magst du mich jetzt gar nicht mehr ansehen, aber ich will ehrlich zu dir sein: dir helfen, dich retten, ja, das würd ich jederzeit, wenn ich's könnte. Aber für dich sterben, das würd ich nie. Dazu fehlt mir der Mut. Oh, wie klein ich vor dir bin.‹

›Ach, meine kleine dumme Lotta‹, beschwichtigte Gerda mit einem Lächeln, ›das denkst du dir so leicht. Sterben, so billig kommst du mir nicht davon. Ich will viel mehr von dir: ich will dass du lebst. Sterben kann jeder Idiot.‹

›Da sagst du was‹, lachte Lotta. ›Meine große kluge Schwester. Ich nehm's als Ausrede für Feigheit. Oder lassen wir's lieber überhaupt, sprechen wir nicht von Tod, ich bin ja auch für Leben.‹

Ja, Leben. Und so ging das Leben weiter: Lotta schlug vor, gleich hinunter zum Gelben Haus zu gehen. Zum einen warte Kai schon unten und der müsse schnell von Gerdas glücklicher Rettung erfahren. Zum anderen wolle Lotta auch nicht den ganzen Tag in Oma Phils Bademantel herumlaufen.

›Überhaupt, Bademantel‹, fügte Lotta hinzu und zupfte Gerda am Ärmel, ›was ist eigentlich mit dir? Gelbe Stiefel, blaue Hose, grünes Hemd und dann diese rote Mütze. Ich hab dich kaum erkannt. Was ist das für eine seltsame Verkleidung?‹

›Na, du weißt doch‹, gab Gerda zur Antwort, ›der kleine Gartenzwerg.‹

Aber Lotta hatte nicht verstanden und so hielt Gerda ihre geschlossenen Hände mit zwei handbreit Abstand aufrecht übereinander und ergänzte: ›Nur die Axt hab ich nicht dabei.‹

Lotta schaute immer noch verdutzt, aber dann fiel es ihr ein: ›Natürlich, der Koppelbergkrieger. Gerda, du bist das! Das hätte ich mir ja denken können. Mein großer Held.‹

›Lotta!‹ protestierte Gerda, aber Lotta lachte nur und meinte: ›Den grimmigen Blick musst du aber noch üben, so richtig wütend war das nicht. Oh, Gerda, was haben wir für einen Spaß gehabt. Und das nur, weil Oma Phil nicht als lebende Legende vorgeführt werden wollte.‹

›Oh ja, Lotta‹, fiel Gerda ein, ›wir hatten eine Menge Spaß im Leben, aber jetzt bist du dran: Ich habe dich nämlich auch nicht erkannt. Du siehst aus, wie einer von Gabriels Engeln.‹

›Ohoho, Gabriels Engel‹, lachte Lotta. ›Da muss ich wohl aufpassen, dass Kai keinen Schreck kriegt, wenn er mich so sieht.‹

›Und deine Haare‹, setzte Gerda hinzu, ›warum hast du deine Haare abgeschnitten?‹

Lotta griff sich an den Kopf. ›Abgeschnitten schon‹, sinnierte sie und erklärte: ›Besser Haare ab und Kopf dran als Haare dran und Kopf ab.‹

›Feigling‹, spottete Gerda. ›Danke‹, konterte Lotta.