Epilog: Gerda
Hauptperson, Singulär
so hatte sie den anderen gegenüber wieder einmal das seltsame Gefühl, gänzlich unsichtbar zu sein. Um nicht übersehen zu werden, musste sie Carlos und Vera nun wohl direkt anreden:
›Hallo Carlos! Hallo Vera!‹, hub sie an, ›könnt ihr mich hören und könnt ihr mich sehen?‹
Auf diese Worte schauten die beiden auf und Gerda fuhr fort: ›Mein Name ist Gerda vom Koppelberg und ich bin Lottas Schwester. Als kleines Kind habe ich einmal hier am Koppelberg im Gelben Haus gewohnt. Ich sage das nur, falls ihr mich vergessen haben solltet. Gestern bin ich in den Fluss geplumpst und wäre beinahe ertrunken. Zu meinem großen Glück bin ich aber auf wundersame Weise gerettet worden. Als nun Oma Phil verkündete, dass Carlos gekommen sei und ein großes Fest anstehe, nahm ich an, dass meine Rettung der Anlass für dieses Fest sei. Ich freue mich immer, wenn es ein Fest gibt, und wie ich sehe, habt ihr ja viele leckere Sachen mitgebracht, und ich kann es kaum erwarten, bis es los geht. Ich habe ja auch heute noch nichts gegessen und ich mag es ganz besonders, wenn Carlos kocht. Solltet ihr meine Rettung für zu unbedeutend halten, als dass sie Anlass für ein Fest sein könnte, so wäre mir das auch recht, denn ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt. Solange das Essen gut und reichlich ist, können wir auch getrost etwas anderes feiern, zum Beispiel den blauen Himmel oder Lottas neue Frisur.‹
›Nein, nein, nein‹, lachte Carlos, ›Lottas neue Frisur. Damit abfinden, ja. Aber feiern, das nun gerade nicht.‹
›Also doch den blauen Himmel‹, folgerte Gerda.
›Ach, beste Gerda‹, ergriff nun Vera das Wort, ›dich vergessen, so was darfst du nicht sagen. Der Carlos und ich, wir sind gar nicht so schlecht. Wenn wir dir gegenüber etwas reserviert erscheinen, so mag das der großen Wertschätzung geschuldet sein, die wir für dich empfinden. Immerhin bist du die Hauptperson.‹
Solches gesagt schickte Vera sich an, Gerda die Hand zu reichen. ›Nein, nein, nein!‹, wehrte Gerda ab, ›Das will ich nicht. Was soll mir die ganze Wertschätzung? Ihr sollt mich liebhaben, mich in den Arm nehmen - und überhaupt, das mit der Hauptperson, das war Lottas Schnapsidee.‹
›Mit Schnaps hab ich überhaupt nichts zu tun‹, protestierte Lotta.
›Meine liebe Gerda‹, mischte sich nun Carlos wieder ein, ›ich weiß doch genau, wer du bist. Ich kannte dich schon, da warst du noch so lütt‹, wobei er seine Hand auf Kleinkindhöhe hielt, ›und ich weiß noch, dass du mich damals Papa genannt hast. Darf ich dich denn jetzt in den Arm nehmen, ich meine zur Begrüßung.‹
›Ja, natürlich‹, antwortete Gerda und drückte ihn fest an ihr Herz, wobei sie ihm noch ins Ohr flüsterte: ›Und du darfst mir sogar durchs Haar wuscheln.‹
Letzteres wollte sich Carlos aber lieber verkneifen. Inzwischen hatte auch Vera ihre Zurückhaltung aufgegeben und gewährte dem Kind, das sie so lange unverdient missachtet hatte, nun endlich die wohlverdiente herzliche Umarmung.
Lotta war aufgefallen, dass sie mit ihren bloßen Füßen schon bis über die Knöchel im Schlamm steckte und weil es mit den bestiefelten Füßen der anderen nicht besser stand, schlug sie vor, nun zügig den Aufstieg zu wagen, ›bevor wir noch alle vor Ehrfurcht im Boden versinken‹, scherzte sie. Alle waren einverstanden und so begann die kleine Gruppe sich langsam den Serpentinenweg hinaufzuschlängeln. Vera voran mit ihrem Rucksack, dann Carlos und Lotta mit der Kühlbox und der Gemüsekiste, zuletzt Gerda mit Carlos' Rucksack und den beiden Taschen. Oben angekommen luden sie alles in den Bollerwagen und zogen weiter auf das Haupttor des Reiterhofs zu. Dort auf dem Vorplatz sollten die Festtafel und die Außenkochstelle aufgestellt werden.
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