Epilog: Gerda

Sie stellten den Bollerwagen

Hauptperson, Singulär

am Rande des Platzes ab, wo Lotta und Gerda sich für eine Weile entschuldigten, um sich in den Waschraum zum Toilette machen zurückzuziehen. Lotta brauste nur kurz ihre Füße ab und schlüpfte dann in die Kleider, die Vera ihr aus dem Gelben Haus mitgebracht hatte: einen weißen Rollkragenpullover und einen hellgrauen Sportanzug sowie ein paar weiße Turnschuhe, auf die Lotta allerdings verzichtete, weil sie lieber barfuß lief, solange noch kein Schnee lag. Gerda hatte keine frische Kleidung, aber sie nutzte die Gelegenheit für ein ausgiebiges Duschbad mit gründlicher Haarwäsche.

Bald nachdem Gerda wieder auf dem Vorplatz erschienen war, erklang auch schon das Dreiklanghorn des großen Omnibusses, die Ankunft der Gäste zu verkünden. Gabriel machte Anstalten, den großen Wagen auf dem Parkplatz neben dem Hauptgebäude einzuparken, aber nach kurzer Rücksprache mit Carlos ließ er sich auf dem Vorplatz einwinken, so dass der Wagen parallel zum Gebäude mit der Heckklappe quer zum Haupttor zum Stehen kam. Von da konnte das Gepäck leicht und ohne Umwege unter Dach gebracht werden.

Oma Phil, Lotta, Vera und Carlos warteten unter dem Tor, Gerda stand allein dem Tor gegenüber und beobachtete, wie Gabriel als erster den Wagen verließ und nun den anderen beim Ausstieg behilflich war. Oma Mia vom Beifahrersitz auf der Gerda zugewandten Seite, Kai aus zweiter Reihe und - für Gerda überrasschend - auch dessen Vater Heinz. Aber wo war Mona?

Aus dritter Reihe sprangen zwei Mädchen heraus, Babara und Brigitte. Die beiden rannten direkt auf Gerda zu, ihr zu ihrer glücklichen Rettung zu gratulieren: ›Wir waren ehrlich geschockt, als wir das mit dir gehört hatten‹, versicherte Barbara mit ernster Miene. ›Papperlapapp, ich habs sowieso nicht geglaubt‹, platzte dagegen Brigitte in ihrer unbeschwerten Fröhlichkeit heraus und zu Barbara gewandt: ›Los, komm, die Zottel begrüßen!‹. Damit rannten die Mädchen unter lautem Indianergeheul davon. Die Zottel, das waren drei Haflinger, die Oma Phil zum Reiten und Voltigieren für Kinder angeschafft hatte und die auch sogleich mit hellem Gewieher von der Koppel her antworteten.

Nach dieser Ablenkung hielt Gerda weiter Ausschau nach Mona. War Mona denn nicht mitgekommen? Das müsste Kai ja wissen. Der kam gerade mit Lotta auf Gerda zugestolpert. Die beiden waren offenbar in einem heftigen Gerangel begriffen, jedenfalls hatte Lotta Kai am Schlafitchen gepackt und war nun dabei, ihn unsanft vorwärts zu stupsen. Am Ende geriet Kai ins Straucheln und wäre beinahe auf dem harten Pflaster aufgeschlagen, wenn Gerda ihn nicht im letzten Augenblick mit ihren starken Armen aufgefangen hätte.

Da lag nun Kai in Gerdas Armen, schreckensbleich mit Tränen in den Augen.

›G... G... Gerda, ich m... muss dir etwas sagen‹, stammelte er.

›Aber Kai, was hast du nur? Mir wird ja ganz angst und bange. Ist etwas mit Mona?‹

Gerda hatte sofort an ihre Mutter gedacht.

›Mit Mona? Nein. Es ist wegen mir.‹

›Wegen dir? Was ist denn mit dir?‹

Mit Gerdas Hilfe war Kai wieder auf beiden Beinen zum Stehen gekommen. Jetzt klang auch seine Stimme wieder gefestigt: ›Ich habe ein Gelübde abgelegt.‹

›Ein Gelübde, du?‹ fragte Gerda verwundert, ›Kai, das überrascht mich. Ein Schweigegelübde kann es ja nicht sein. Aber doch hoffentlich kein Keuschheitsgelübde.‹

›Nein, nein, nicht so ein Gelübde. Ich habe bei meiner Ehre geschworen, wenn ich dich noch einmal lebend wiedersehen würde, dann würde ich es dir sagen.‹ Kais vormals bleiches Gesicht war nun puterrot angelaufen.

›Was würdest du mir sagen?‹ fragte Gerda voller ungewisser Ahnungen.

Zur Antwort auf diese Frage richtete Kai sich noch einmal eigens vor Gerda auf, rückte Hemd und Hose zurecht, schaute Gerda direkt in die Augen, räusperte sich kurz und sprach dann die bedeutsamen Worte: ›Gerda, ich liebe dich.‹

›Oh Kai, das ist ja wunderbar!‹ jubelte Gerda erleichtert auf, hatte sie doch schon mit dem Schlimmsten gerechnet. ›Dass du mir je etwas so Schönes sagen würdest, hätte ich nie gedacht. Und so leicht, dass ich es gleich verstanden habe.‹ Dann hielt sie aber kurz inne, um ein wenig skeptisch fortzufahren: ›Ich muss mich aber sehr wundern, wo du dich in den letzten Wochen so rar bei mir gemacht hast. Du warst ja immer nur mit Lotta zusammen.‹

›Mit Lotta, das war im Labor. Wir haben zusammen gearbeitet. Da habe ich das mit dir auch noch nicht gewusst. Erst als du ertrunken warst.‹

›Ich war nicht ertrunken.‹

›Na, jedenfalls hab ich's geglaubt. Alle haben's geglaubt.‹

›Nicht alle.‹

›Aber es war doch klar.‹

›Ach Kai, ein Wal ertrinkt nicht so leicht.‹

Da brach Kai in Tränen aus, er umfasste Gerda und drückte sie fest an sich und schluchzte: ›Ach Gerda, Gerda, ich liebe Walfische.‹

Gerda befreite sich aus Kais Umarmung und wies ihn zurück: ›Kai!‹

Kai wusste gar nicht, wie ihm geschah. Hatte er etwas falsches gesagt?

›Wieso, Gerda, du hast doch selbst gesagt ...‹

›Aber Kai, ich bin doch kein Fisch.‹

›Ach so, das weiß ich doch.‹

›Nun sag mir aber, Kai, du hast dich in mich verliebt, als ich ertrunken war, findest du das nicht ein wenig morbid?‹

›Nein, nein, so war das nicht. Verliebt in dich war ich schon immer, von Anfang an, Aber erst als du ertrunken warst, da habe ich es gemerkt. Und ich habe sehr bereut, dass ich es dir nie gesagt habe. Darum habe ich geschworen.‹

›Von Anfang an. Kai, wir waren Kinder, vier Jahre alt, bist du sicher?‹

›Ich weiß nicht, Gerda. Ich kenne mich in solchen Dingen nicht aus. Das weißt du doch. Ist das falsch mit vier Jahren?‹

›Ach, Kai! süßer, lieber Kai! ich hab dich doch auch lieb. Ich weiß nicht, seit wann, aber falsch ist es nicht. Es ist was es ist.‹

Da schauten sich die beiden lange in die Augen. Dann hob sich Kai auf die Fußspitzen, um seiner Gerda einen herzlichen Kuss zu geben.

Welch ein schönes Paar: die große Gerda Klein und der kleine Kai Riese.

Lotta, die alles mit angehört hatte, klatschte in die Hände und rief: ›Bravo! Bravo! Mit diesem Kuss ist eure Verlobung besiegelt.‹

›Aber wir haben keine Ringe‹, wollte Kai einwenden.

›Ach was, die Ringe kann man nachreichen‹, wiedersprach Lotta, ›wir plündern morgen mal Veras Schatzkästchen, da gibt es jede Menge Gold und Klunkerkram, lauter Sachen, die Vera sowieso nicht braucht. Bestimmt finden wir da auch zwei passende Ringe für euch.‹