Epilog: Gerda
Hauptperson, Singulär
der Verlobungszeremonie wurde jäh unterbrochen von dem Dreiklanghorn des großen Omnibusses, der nun, nachdem die Ladefläche leergeräumt war, um die Hausecke herum zum Parkplatz gefahren wurde. Dabei wurde der Blick frei auf zwei weitere Akteure der Szene, die sich, zwei sich gegenseitig abstoßenden Protonen nicht unähnlich, in größtmöglichem Abstand voneinander vor der rosenberankten Hauswand aufgestellt hatten.
Mona, Gerdas Mutter, stand an der Hausecke und schaute sehnsuchtsvoll dem großen Wagen nach. Heinz, Kais Vater, stand am Torende der Wand, den Blick erwartungsvoll in die große Eingangshalle gerichtet.
Als die Kinder ihre Eltern mit einem fröhlichen: ›Hallo, ihr beiden!‹ anriefen, konnte man vor allem Monas große Erleichterung erkennen, die am liebsten mit dem Bus gleich wieder nach Hause gefahren wäre, und nun glücklich war, Gerda, Lotta und Kai zu sehen, denen sie, als sie noch klein waren, eine gute Mutter gewesen war.
Seit Vera sie vor zehn Jahren aus dem Haus verbannt hatte, hatte sie sich vom Koppelberg fern gehalten und sie glaubte auch, die anderen Bewohner dort kaum mehr zu kennen und sorgte sich besonders darum, wie Vera ihr begegnen würde.
Auch Heinz, der nur auf Drängen seines Sohnes mitgekommen war, fühlte sich verloren und fehl am Platze und auch ihm konnte man den Stein ansehen, der ihm von Herzen fiel, als er endlich die drei Kinder sah, die einzigen von den Koppelbergleuten, die er persönlich kannte.
Zwar wollten Gerda und Kai auf ihre Eltern zugehen, aber sie wollten auch keinesfalls voneiander lassen, und so näherten sie sich der Rosenwand im rechten Winkel, während Mona und Heinz ihnen diagonal in immer flacher werdendem Winkel entgegenkamen, bis die einander widerstrebenden Elternteile schließlich in zwei flachen Bögen an der Wand zusammentrafen, wo sie sich im Kraftfeld ihrer Kinder dann doch zu einer Art Familie vereinigten, der kovalenten Bindung in einem Wasserstoffmolekül nicht unähnlich.
Lotta war als freies Elektron davongeschwirrt, um sich an anderer Stelle nützlich zu machen.
›Mona, gut siehst du aus‹, lobte Gerda ihre Mutter und begrüßte sie mit Umarmung. Dabei stellte sie erleichtert fest, dass Mona heute noch nichts getrunken hatte, gut roch und auch ordentlich gekleidet war.
›Ja, aber du Gerda, willst du heute noch arbeiten? Ich meine, so wie du dich angezogen hast.‹
Mit dieser Bemerkung war klar, dass Mona keine Ahnung hatte, was Gerda widerfahren war. Womit auch die Hoffnung dahin war, Mona hätte ihr etwas frisches zum Anziehen mitgebracht. Gerda war jetzt aber wenig nach Aufklärung zumute und so redete sie sich heraus: › Weißt du, Mama, ich dachte es wäre ein Kostümfest und da habe ich mich als Gartenzwerg verkleidet.‹
›Ha, ha, Gerda, dass sieht dir ähnlich‹, lachte Mona, ›Du als Gartenzwerg, das ist gerade deine Art von Humor.‹
Gerda wandte sich nun Heinz zu und begrüßte ihn per Handschlag. ›Heinz, ich freue mich besonders, dass du gekommen bist. Du machst dich ja auf unseren Festen immer ziemlich rar.‹
›Ja‹, erklärte Heinz, ›der Kai hat mich sehr gedrängt. Ich weiß gar nicht, um was es geht, ob ich hier richtig bin.‹
›Keine Sorge, Heinz.‹ Gerda warf Kai einen fragenden Blick zu, ob er will, oder ob sie soll, aber Kai hatte heute wohl schon genug gesprochen.
›Also Heinz, also Mona, es gibt etwas Neues‹, verkündete Gerda, ›Der Kai und ich, wir haben uns gerade eben verlobt.‹
›Oh Gerda, das ist ja wunderbar‹, freute sich Mona, ›Ich hab ja immer gehofft, dass ihr beiden zusammenkommt. Obwohl, eigentlich seid ihr ja noch etwas jung für eine Verlobung. Na ja, besser früh, als nie.‹
Heinz war weniger begeistert. Nicht, dass er Gerda ablehnte, aber seit dem Tod seiner Frau war jeder Gedanke an die Liebe mit Leid verbunden. Trotzdem gratulierte er seinem Sohn für die gute Wahl, und wünschte dem jungen Paar Glück und Gesundheit für die gemeinsame Zukunft.
Die traute Zusammenkunft der kleinen Familie endete mit dem Klang der großen Tischglocke, die den Beginn des Festes einläutete.
Weil Carlos viel zu selten nach Hause kam, und niemand etwas von ihm hatte, wenn er die meiste Zeit allein in der Küche verbrachte, hatte Vera entschieden, dass alle Koppelbergfeste schon mit den Vorbereitungen beginnen sollten. Denn statt Ringelreihen auf der Diele könnten alle genau so gut den Klapptischtanz für die Festtafel tanzen, und statt im Ringwerfen könne man sich genau so gut im Kartoffelschälen messen.
Jetzt, wo alle Gäste vollständig versammelt waren, begab man sich an einen kleinen Stehtisch, wo zum Anstoßen Champagner für die Großen und Traubenbrause für die Kleinen ausgeschenkt wurde.
Bis auf Barbara und Brigitte, denen Alkohol auf Anordnung ihres Vormundes strikt verboten war, durfte jeder selbst eintscheiden, ob er sich klein oder groß fühlte.
Lotta lehnte jede Art von Alkohol ab, eine der wenigen Überzeugungen, die sie mit Gabriel teilte.
Gerda reihte sich bei den Kleinen ein, weil sie insgeheim hoffte, sich doch noch irgendwann zwischendurch mit Oma Phils kleinem Jagdwagen absetzen zu können, um zu Hause am Hafenrand kurz die Kleidung zu wechseln.
Kai fühlte sich angesichts seiner Verlobung nun wirklich zu groß für Traubenbrause.
Auch für Oma Phil, Oma Mia, Carlos, Vera, Mona und Heinz musste es Champagner sein, obwohl sich Gerda für Mona etwas anderes gewünscht hätte.
So wurde also angestoßen und jeder durfte seinen Trinkspruch beitragen:
›Auf das gute Leben!‹
›Auf Gerdas Heldenmut!‹
›Auf Gerdas wunderbare Rettung!‹
›Auf Gerdas Seepferdchenabzeichen!‹
›Auf das frisch verlobte Paar!‹
›Auf die ewige Liebe!‹
›Auf alle Wale dieser Welt!‹
›Auf die andere Welt!‹
›Auf das Glück dieser Erde!‹
›Auf Lottas neue Frisur!‹
›Auf die Spanische Inquisition!‹
›Auf den blauen Himmel!‹
»Hoʻokahi malihini i nalowale.«
»Brillenfee!«
»ʻAe, ʻo kēlā kanaka ponoʻī.«
»Brillenfee, du? Du möchtest auch zu unserem Fest kommen. Ja, da würden sich alle freuen. Ich weiß nur nicht, wie du so schnell hierher kommen kannst.«
»E noʻonoʻo mai i kahi mea.«
»Gut, ich lasse mir etwas einfallen, einen Moment, also nochmal:«
›Auf den blauen Himmel!‹
Ja, blau war der Himmel. Sogar sehr, sehr, blau. Alle starrten an den blauen Himmel. Und dann war alles grell und weiß. Und dann schwarz. Die ganze Festgesellschaft war geblendet von einem alles überstrahlenden Blitz. Und im schwarzen Dunkel hörte man einen dumpfen Puff.
»ʻO Piff,ʻ o Paff,ʻ o Puff, he moʻo.«
»Nein, das war kein Drache. Da war nur ein Puff. Von Piff und Paff war keine Rede. Ich glaube, das war eine Rakete.«
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