Epilog: Gerda
Hauptperson, Singulär
Nach einer Weile kam die Sicht zurück. Die drei Koppelbergfrauen, Oma Phil, Vera und Lotta, hatten die besten Augen. ›Da!‹ riefen sie unisono. Es dauerte noch, bis auch die anderen etwas sahen. Ein kleiner, im Sonnenlicht leuchtender Punkt. Zuerst. Dann: ›Seht, ein Mensch!‹
Ja, jetzt konnte auch Gerda es erkennen. Die winzige weiße Gestalt: Ärmchen, Beinchen, großer runder Kopf.
›Ein Außerirdischer!‹
›Ein Astronaut!‹
›Ein Fallschirmspringer!‹
›Hoffentlich hat er einen Fallschirm.‹
›Hoffentlich öffnet sich der Schirm.‹
Die Zeit steht still. Langsam, langsam wird die Gestalt größer und deutlicher. Alle drücken beide Daumen. Da endlich! Der Hilfsschirm, der Gleitschirm, wie ein kleiner Regenbogen. Gerettet! Wo wird der Flieger landen?
Unwahrscheinlich, dass er ausgerechnet zum Koppelberg will. Sein Ziel könnte ja überall in der Gegend sein.
Er bleibt aber zu aller Überraschung in der Nähe, kreist einige Male um die Gebäude und sucht sich zum Schluss seinen Landeplatz auf der Wiese zwischen Berghang und Reitstall, wo er das Fluggerät vorsichtig abbremst, dabei sanft herabsenkt und zum Schluss durch Mitlaufen langsam und fast gemütlich zum Stillstand bringt. Eine perfekte Landung, die von den Zuschauern mit gehörigem Applaus belohnt wird.
Nachdem sich der Astronaut aus den Gurten befreit, aus dem Overall geschält und des Helmes entledigt hat, entpuppt er sich als junge Frau mit langen schwarzen Locken, einer dicken runden Brille auf der Nase, und das strahlenste Lächeln der Welt auf dem runden, gebräunten Gesicht.
Das ist Brillenfee! Was für eine wunderbare Überraschung, wer hätte das gedacht. Kommt, begrüßt alle Brillenfee.
»E Gerda, ua hauʻoli wau.«
»Ja, beeindruckt. Das solltest du auch sein, von diesem sagenhaft starken Auftritt.«
Lotta ist die erste, die auf Brillenfee zurennt, sie mit einer kurzen, etwas missglückten Umarmung begrüßt, und ihr mit der Fliegerkombi und dem Fallschirm hilft. Kai und Gerda folgen gemächlichen Schrittes, um den beiden die gebotene Ruhe für ihr Tun zu lassen. Bei der anschließenden Begrüßung hat sich Brillenfee direkt auf die amerikanische Umarmung eingestellt, wie sie auch in Europa üblich ist.
Gemeinsam schlendern die vier Kinder nun auf die wartende Festgesellschaft zu, entschuldigen sich aber zunächst für einen Moment, um das Gepäck im Stall unterzubringen. Neben der Fliegerkombi und dem Fallschirm gibt es einen kleinen Gitarrenkoffer, den Brillenfee irgendwie noch unter der Kombi verstaut hatte.
Beim Betreten der Eingangshalle ist Brillenfee überwältigt von dem großen, lichtdurchfluteten Raum und der außergewöhnlichen Dachkonstruktion mit den riesigen farbigen Glasscheiben. So etwas erwartet man eher von einem Sakralbau als von einem profanen Pferdestall.
Eine Weile hält sie staunend inne, dann legt sie ihre ʻUkulele, denn darum handelt es sich, auf der Seitenablage neben einem großen Gitarrenkoffer ab. Dort findet sich auch ein Geigenkasten, ein Tamburin und ein rechteckiger, ziemlich verstaubter Instrumentenkasten, der ein kleines Akkordeon enthalten könnte.
Die große Gitarre gehört zu Gabriel, aber wer hier Geige oder Akkordeon spielt, können weder Lotta, noch Gerda und schon gar nicht Kai sagen. Allerdings weiß Lotta, dass Vera früher einmal Geige gespielt haben soll, was Lotta aus eigener Anschauung aber nicht bezeugen kann. Da Vera in letzter Zeit ganz sicher nicht geübt hat, wird das wohl eine ziemliche Katastrophe werden, wenn sie tatsächlich spielen sollte.
Während Lotta den Fallschirm und die Fliegerkombi in den Umkleideraum bringt, führt Gerda Brillenfee noch kurz in die Stallgasse. Zwölf Boxen gibt es hier, fünf davon belegt, drei Turnierpferde, die jetzt unterwegs sind, und die beiden Waisenkinder. Das sind zwei gutmütige Reitstuten, deren Eigentümer keine Zeit mehr zum Reiten haben, die Pferde aber nicht aufgeben wollen. Solange die Pensionskosten bezahlt werden, kann das Oma Phil nur recht sein. Jemand zum Reiten findet sie immer.
Ach, und jetzt ist ja auch noch Gerdas Eselchen dazugekommen. Gerda wundert sich, warum die Tiere alle im Stall stehen, die Boxen sind offen, da könnten sie einfach durch den Außengang zur Weide gehen. Bei dem schönen Wetter.
Gerda steigt zu ihrem Esel in die Box, flüstert ihm etwas ins Ohr und verschwindet mit ihm nach draußen. Kurz darauf setzen sich auch die beiden Stuten in Bewegung, und folgen dem Esel.
Brillenfee fragt sich, ob sie hinterhergehen soll, da kommt Gerda aber schon durch eine Tür am Ende der Stallgasse zurückgelaufen und entschuldigt sich bei Brillenfee, sie alleingelassen zu haben.
»E Gerda, aia ʻoe ma ka home ma ʻaneʻi.«
Gerda überlegt einen Augenblick.
»Du hast recht, der Koppelberg ist mein Zuhause.«
Die ʻUkulele oder die leichten Sportschuhe, das war Brillenfees Gepäckfrage. Sie hatte sich für die ʻUkulele entschieden und muss nun wohl den Rest des Tages in ihren schweren Springerstiefeln aushalten, denn barfuß würde sie ihre Füße wundlaufen.
Im Umkleideraum finden sie Lotta, und da stellt sich heraus, dass Lottas überflüssige Sportschuhe perfekt auf Brillenfees Füße passen. Eine große Erleichterung, die Gerda in ihren Gummistiefeln nur allzu gut nachfühlen kann.
Und so einen schicken Kapuzenpullover, wie Brillenfee, hätte sie jetzt auch gerne. Ein Wellenmuster, Fischschuppen oder wohl eher das Federkleid eines seltsamen Vogels.
Um die Festgesellschaft nicht länger warten zu lassen, probiert Brillenfee die geliehenen Schuhe gleich aus, indem sie sich der Gruppe im Laufschritt nähert und endlich jeden einzelnen mit Namen und Umarmung begrüßt, so, als seien sie alle alte Freunde. Auch die beiden Mädchen, Barbara und Brigitte, lässt sie nicht aus.
Carlos schenkt Brillenfee ein Glas Champagner ein und fragt, ob sie wohl auch einen Trinkspruch beitragen möchte. Ja, das möchte sie gerne. Und natürlich möchte sie etwas besonders Kluges sagen. Zum Beispiel eine spöttische Bemerkung über den Koppelberg, den sie ohne Lupe kaum gefunden hat. Aber jetzt, wo alle so fröhlich sind, möchte sie niemanden traurig machen.
So denkt sie also weiter nach, wobei Augen und Gesicht einen leeren und gedankenverlorenen Ausdruck annehmen. Sie denkt und denkt und alle schauen ihr in Erwartung einer außerordentlichen Weisheit beim Denken zu. Endlich erscheint auf ihrem Gesicht ein befreites Lächeln. Sie hebt das Glas, prostet mangels eines besonderen Trinkpartners der ganzen Welt zu und spricht das Wort, das sie nach all dem Nachdenken in diesem Augenblick für das weiseste hält: ein einfaches, fröhliches ›Cheers!‹
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