Epilog: Gerda

Ein weiterer Disput

Hauptperson, Singulär

entbrennt nun zwischen dem Engel Gabriel und dem Fräulein Karola vom Koppelberg.

Also spricht der Engel: Verzeiht mir, liebe Freunde, dass ich diesen besinnlichen Augenblick unseres schönen Festes so unhöflich unterbreche, um ein profanes Anliegen in eigener Sache vorzutragen. Morgen findet nämlich im Festsaal im Gelben Haus wieder unser sonntäglicher Engelskonvent statt. Für mich als obersten Engel ist das mit einer Vielzahl von Pflichten rhetorischer und musikalischer Natur verbunden, die meine volle Aufmerksamkeit und Konzentration erfordern. Ohne ein Mindestmaß an Schlaf heute Nacht, werde ich diese Pflichten nicht erfüllen können. Darum möchte ich euch um die Erlaubnis bitten, mich nun bald aus eurer Gemeinschaft zurückziehen zu dürfen, natürlich nicht, ohne vorher noch die Dame Maria Hausmeister nach Hause gefahren zu haben, so ihr das genehm ist. Das müsste allerdings nun wirklich recht bald sein.

Also spricht das Fräulein: Gabriel, du Oberengel, wir danken dir für deine Beiträge rhetorischer und musikalischer Natur zu unserem Fest und erlauben dir, dich jetzt gleich zu deiner Nachtruhe zurückzuziehen. Es gibt keinen Grund, Oma Mia so rüde aus unserer Runde hinauszukomplimentieren, bloß weil du müde bist. Ich werde zu gegebener Zeit persönlich dafür sorgen, dass Oma Mia sicher und wohlbehalten nach Hause befördert wird, und zwar dann, wenn sie es will.

Spricht der Engel: Mein liebes Fräulein, dass Ihr meine Pflicht der Dame gegenüber auf Euch nehmen wollt, weiß ich wohl zu schätzen. Ich hoffe nur, Ihr habt nun endlich Euer Wagenlenkerabzeichen erworben, um den großen Omnibus lenken zu dürfen.

Spricht das Fräulein: Gabriel, mein liebes Engelchen, zum Ersten soltet Ihr wissen, dass ich nicht Euer liebes Fräulein bin. Zum Zweiten gedachte ich nicht, den großen Omnibus selbst zu lenken, aber Euer Vorschlag sagt mir zu. Zwar trage ich nicht das Lenkzeichen, bin aber doch ein sehr guter Wagenlenker. Darum bitte ich Euch, mir jetzt den Wagenschlüssel zu übergeben, so dass ich die Dame Maria vom Koppelberg zu gegebener Zeit nach Hause fahren kann.

Spricht der Engel: Mein unartiges Fräulein, Ihr seid sehr zu tadeln, wenn ihr den Wagen ohne Wagenlenkerabzeichen lenken wollt. Ich werde Euch den Schlüssel nicht übergeben.

Spricht das Fräulein: Mein unverschämtes Engelchen, wisset, dass mein Vater, der Große Don Carlos vom Koppelberg, mich zum Herrn über die Burg Koppelberg gemacht hat, samt allen zughörigen Ländereien, beweglichen und unbeweglichen Gütern, allem, was lebt, in den Ställen, in den Wäldern, in den Wassern, in den Wolken, dem gesamten Hofstaat und allem Gesinde. Einerlei, ob Hofstaat oder Gesinde, Ihr, mein Engelchen, untersteht in jedem Fall meinen Weisungen. Und somit befehle ich Euch jetzt, mir augenblicklich den Schlüssel für den großen Omnibus zu übergeben.

Spricht der Engel: Nein, mein junges Fräulein, Ihr irrt Euch. Eure Mutter, die Große Donna Veronica vom Koppelberg, hat mich zu Eurem Vormund bestellt. Somit obliegt es mir, Euch auf den rechten Lebensweg zu führen. Euer Anliegen, den großen Omnibus ohne Wagenlenkerabzeichen lenken zu wollen, ist gegen jedes Recht und jede Ordnung. Im Sinne Eurer Mutter ist mir darum nicht erlaubt, Euch den Wagenschlüssel zu übergeben.

Spricht das Fräulein: Wenn das so ist, mein altes Engelchen, so steigt mit mir in den großen Omnibus und lasst mich den Wagen wenigstens hinunter zum Gelben Haus lenken, so dass Ihr nicht zu Fuß nach Hause gehen müsst.

Spricht der Engel: Was soll das helfen, mein törichtes Fräulein. Ihr müsstet den Wagen ja doch über Gemeinland lenken, was ohne Wagenlenkerabzeichen gegen Recht und Ordnung wäre.

Spricht das Fräulein: Nein, mein oberschlaues Engelchen, da irrt Ihr Euch. Recht und Ordnung sind gut, aber ich werde den Wagen auf dem Serpentinenpfad durch den Wald hinunterlenken. Das ist Eigenland, wo ich kein Lenkzeichen brauche, um einen Wagen zu lenken.

Spricht der Engel: Pah, mein tollkühnes Fräulein, das ist unmöglich!

Spricht das Fräulein: Pah, mein hasenfüßiges Engelchen, für einen schlechten Wagenlenker, wie Ihr einer seid, mag das unmöglich sein. Für einen guten Wagenlenker ist das ein Leichtes. Ein sehr guter Wagenlenker, wie ich einer bin, macht das mit verbundenen Augen.

Spricht der Engel: Hah, das will ich sehen.

Spricht das Fräulein: Top, das werdet Ihr sehen, gebt mir den Schlüssel.

Spricht der Engel: Oh, nein, nein, nein, mein schlaues Füchslein. Ich habe Euch durchschaut. Ihr wollt mir einen Bären aufbinden, um mir den Schlüssel abzuluchsen.

Spricht das Fräulein: Ach nein, mein dummes Eselchen. Ich weiß, was ich kann, und muss nichts beweisen. Den Schlüssel will ich nur aus Angst um Euer Leben und um das Leben der Dame Maria vom Koppelberg. Ihr solltet heute keinen Wagen mehr lenken. Nicht einmal die ʻUkulele konntet Ihr noch spielen. Geht zu Bett und schlaft Euch aus.

Spricht der Engel: Ach, mein liebes, gnädiges Fräulein, es ist sehr ungezogen von Euch, dass ihr mich so schändlich schmäht. Ich bin kein schlechter Wagenlenker und das Spiel auf der ʻUkulele habe ich nie gelernt. Die Fee mit der Brille hat mich genötigt. Sie drohte, das wertvolle Instrument ins Feuer zu werfen, wenn ich es nicht spielte, und so musste ich es spielen.

Spricht das Fräulein: Geht zu Bett und schlaft Euch aus.

An dieser Stelle fühlt sich Carlos bemüßigt, gegen den in seinen Augen unerfreulichen Streit einzuschreiten. Also spricht der große Don Carlos vom Koppelberg: Oh Freunde, nicht diese Töne!

Gerda bemerkt Carlos' verstörten Gesichtsausdruck, will ihn beruhigen, leidet aber gerade wieder unter einem schlimmen Anfall von Unsichtbarkeit. Und da ist Brillenfees fragender Blick: was wirst du jetzt tun? Ein wenig zaghaft noch stellt sich Gerda auf eine der Bänke in der Runde, dann schlägt sie die schwere Axt, die Brillenfee ihr aus unerfindlichen Gründen zugereicht hat, mit einem beherzten Hieb in das massive Holz der Bank ein. Die Axt wird sie nicht brauchen. Statt dessen duchsucht sie die Taschen ihrer blauen Latzhose und findet die rote Zipfelmütze, mit der sie das Dunkel ihrer langen braunen Haare in weitleuchtendes Rot kleidet.