Epilog: Gerda
Hauptperson, Singulär
zu Gerda auf. Gerda lässt sie warten. Lange. Dann beginnt sie zu reden:
Carlos, mein lieber Carlos, bekümmere dich nicht über diese Töne, sie tun dem Frieden und der Freude unseres Festes keinen Abbruch. So tönt es immer, wenn Lotta und Gabriel Spaß miteinander haben. Aber das wüsstest du, wenn du einmal länger am Koppelberg weiltest und deine Tochter jeden Tag erlebtest, statt dich in der Welt herumzutreiben und nur ein- oder zweimal im Jahr hier kurz aufzutauchen, um dann gleich wieder zu verschwinden. Am Ende wird Lotta einen Postwagen bestellen, der Oma Mia nach Hause bringt.
Manchmal vergisst man, wo man zu Hause ist.
Als ich ein Kind war, hatte ich eine Schwester, die hieß Lotta. Carlos war mein Vater und ich hatte zwei Mütter, Mona und Vera. Wir wohnten im Gelben Haus, das wir Unser Haus nannten, weil es uns gehörte. Mit vier Jahren zog Lotta fort aus dem Gelben Haus und wohnte von da an in den großen Bäumen vor dem Haus. Vera und Carlos haben das nicht gemerkt.
Als ich älter wurde, musste ich viel lernen. Ich musste lernen, dass Lotta nicht meine Schwester war und Carlos nicht mein Vater und Vera nicht meine Mutter. Mona war aber meine Mutter. Ich musste lernen, dass nicht mehr Unser Haus mein Zuhause war, sondern das Schwimmhaus am Hafenrand. Ich musste lernen, dass Mona und ich blutsverwandt waren. Lotta war blutsverwandt mit Vera und mit Carlos. Vera und Carlos waren nicht blutsverwandt, aber verheiratet.
Lotta wollte das nicht lernen. Die Blutsverwandtschaft kümmerte sie nicht, sie hat mich einfach als ihre Schwester adoptiert. Ebenso hat sie Mona als ihre zweite Mutter adoptiert. Und ich sollte sie als meine Schwester, Carlos als meinen Vater und Vera als meine zweite Mutter adoptieren. Für Lotta war mein Zuhause immer noch das Gelbe Haus, das Unser Haus war, für immer. Das Schwimmhaus am Hafenrand war mein Exil. Mona hat Lotta und Kai als ihre Kinder adoptiert, aber sie hat Heinz nicht geheiratet und Vera und Carlos haben mich nicht als ihr Kind adoptiert. Das ist Lottas Wirklichkeit, mehr braucht sie nicht.
Wem die Wirklichkeit nicht genug ist, für den gibt es die Amtlichkeit. Dafür müssen Ämter Geburtsurkunden ausstellen, Wagenlenkerabzeichen vergeben oder Grundbucheinträge ändern. Gabriel legt viel Wert auf die Amtlichkeit, für Lotta zählt nur die Wirklichkeit.
Blutsverwandt heißt nicht, dass in unseren Adern dasselbe Blut fließt. Wenn Lotta mir Blut spendete, könnte ich trotzdem nicht schwimmen, auf Bäume klettern oder über das Geländer spazieren. Selbst die Blutkreisläufe vom Ungeborenen und dem trächtigen Muttertier sind getrennt - nein, ich bin nicht trächtig - es sei denn, Gabriel hätte etwas zu verkündigen - nein, Gabriel, so meine ich das nicht.
Am ersten April vor sechszehn Jahren brachte Vera ein kräftiges Goldstück zur Welt, schenkte Molly-Maria einem hübschen Silberling das Leben, erblickte im fernen Hawaiʻi eine weise Bronzefee das Licht der Welt und wurde Mona glücklich von einem gesunden Stück Käse entbunden. Die unglückliche Molly-Maria konnte nicht mit Vera und Mona in Unser Haus einziehen, weil sie bei der Geburt ihr eigenes Leben verlor und nun auf dem Friedhof wohnt.
Gold, Silber, Bronze oder Käse liegen uns nicht im Blut, sondern in unserem Genom, dem Bauplan unseres Lebens. Das ist wie ein Rezeptbuch mit vielen tausend Rezepten, die gebraucht werden, um unseren Leib heranzubilden und zu erhalten. Die Rezepte heißen Gene.
Das Genom ist geschrieben in einer besonderen Sprache, die man die Sprache des Lebens nennt. Die Sprache des Lebens ist für alle Lebewesen dieser Erde gleich. Sie besteht aus einer mächtig langen Kette winziger Buchstaben - A, T, G und C - , die nicht größer als ein Molekül sind. Jede der Abermillionen Zellen unseres Leibes trägt in ihrem Kern eine vollständige Abschrift unseres Genoms, so dass die Gene überall zur Hand sind, wo sie gebraucht werden.
Das Genom des Menschen ist sehr umfangreich und sehr kompliziert und besteht aus 23 Bänden, die man Kernschleifen nennt. Es unterscheidet sich aber nur sehr wenig von Mensch zu Mensch, so dass man es einfach zusammenfassen kann: Lasset uns einen Menschen machen!
Die menschlichen Genome sind aber nur fast gleich. Einige wenige Gene sind anders. Erbsenzählerei, aber Gene sind keine Erbsen. Sie bestimmen die Merkmale, in denen die Menschen sich unterscheiden: Gold, Silber, Bronze, Käse. Nun sind aber ein Teil der 23 Kernschleifen Abschriften vom Vater, der andere Teil Abschriften von der Mutter. Die Merkmale werden also teils vom Vater, teils von der Mutter übernommen. Das Kind erbt die Merkmale von Vater und Mutter, und das verbirgt sich hinter dieser nebulösen Blutsverwandtschaft. Lotta, Vera und Carlos könnten sich die Hände reichen und sagen: In unseren Genen fließt dasselbe Blut.
Brillenfee hat sechs Schwestern - aha vier - sie die jüngste - ein Bruder - was heißt meh - jedenfalls unterscheiden sich die fünf Schwestern in der Zusammensetzung ihres Genoms aus mütterlichen und väterlichen Genen. Gleiche Genome gibt es nur bei eineiigen Zwillingen.
Carlos und Vera haben sich ihre Kernschleifen auch nicht selbst ausgedacht, sondern von ihren Eltern geerbt, also von Oma Mia und ihrem Mann, dem seligen Herrn Hausmeister und von Oma Phil und Veras Vater - ja, auch Vera - jedes Kind hat einen Vater, und wenn es der heilige Kuckuck ist. Carlos sollte einmal überlegen, warum Brillenfee genauso spanisch aussieht, wie er und seine Mutter.
So reicht die Blutsverwandschaft von Generation zu Generation zurück. Jedes Kind hat vier Großeltern, acht Urgroßeltern, 16 Uururgroßeltern, und so weiter, und so fort, und dann gibt es noch Onkel und Tanten und Cousins und Cousinen und Seitenlinien und wenn wir unsere Ahnentafel nicht irgendwann abbrechen, haben am Ende alle Menschen gemeinsame Vorfahren und sind miteinander blutsverwandt. Die ganze Menschheit eine einzige Matschepampe aus Millionen Kernschleifen, die sich über Hunderttausende von Jahren auf der ganzen Erde fortgeschrieben haben.
Aber es kommt noch schlimmer: das Genom aller Lebewesen der Erde wird, wie beim Menschen, durch Abschriften an nachfolgende Generationen weitergegeben. Dabei kommt es zu Abweichungen, die, wenn sie sich bewähren, eine neue Art schöpfen können. Es gibt Hinweise, dass sich alle Arten von Tieren, Pflanzen und sonstigen Lebensformen auf diese Weise entwickelt haben: anatomische Vergleiche, paläontologische Ausgrabungen, entwicklungsphysiologische Befunde und biochemische Prozesse. Zwei Wesen, die jetzt auf der Erde leben, werden mindestens einen gemeinsamen Vorfahren haben und wären damit blutsverwandt. Man muss nur weit genug in die Vergangenheit gehen.
Wir sind nicht nur alle untereinander verwandt, auch der Rex und der Wolf, Dorisa und Diana, die drei Zottel und mein kleiner Esel sind mit uns verwandt. Und auch der Rehbock, den es heute zu Mittag gab, war unser Verwandter. Immerhin durfte er ein paar Jahre lang lustig durch die Wälder springen, bevor Oma Phil ihn mit der Jagdbüchse erlegt hat. Und immerhin hat Oma Phil ihn vorher um Verzeihung gebeten und ihm erklärt, dass sie ihn töten muss, um sich und ihre Lieben ernähren zu können. Kai und Gabriel können sich nicht herausreden. Unser Verwandter, der arme Salat, durfte nicht einmal die erste Blüte erleben, bevor er geköpft wurde. Und niemand hat sich bei ihm entschuldig.
Ich sage das alles nur, weil ich so traurig bin, dass ich außer meiner Mama überhaupt keine Familie habe. Und ich fürchte, dass Mona bald von den Kräutergeistern geholt wird.
Traurig macht mich auch, dass zwei Personen unter uns sind, die das gemeinsame Merkmal haben, sich bei jeder Gelegenheit über mich lustig zu machen. Irgendwann werde ich den Ursprung des Gerda-lustig-Gens erforschen. Carlos und Vera haben sich noch nie über mich lustig gemacht und Oma Phil und Oma Mia auch nicht.
Heute hat eine weise Frau zu mir gesagt: Gerda, hier bist du zu Hause. Und jetzt frage ich mich, ob wir nicht alle hier zu Hause sind. Unten am Fluss steht ein großes gelbes Haus. Amtlich gehört es einer Person mit dem amtlichen Namen Karola Hausmeister. Ämter wollen immer einen amtlichen Namen. Lotta will nichts von der Amtlichkeit wissen. Für sie ist es ganz einfach Unser Haus.
Oma Mia hat eine schöne Wohnung in der großen Stadt, schön gelegen an einem städtischen Kanal entlang einer prächtigen Lindenallee, ich war schon einmal da. Aber es gibt dort niemanden, der auf sie wartet. Kein Hund, kein Kätzchen, kein Kanarienvogel, nicht einmal ein Goldfisch, das ist kein Zuhause. Niemand braucht Oma Mia nach Hause zu bringen, sie kann genauso gut hier bleiben,
Unser Haus ist groß und gelb und quadratisch und von außen nicht besonders schön. Es hat drei Dutzend Kammern in drei Obergeschossen, dazu die Wirtswohnung im Erdgeschoss, Wirtschafts- und Lagerräume und den angebauten Festsaal, wo früher die Pferde standen. Das Haus war einmal ein Gasthof und eine Relaisstation für die Postkutschen und ist immer noch wie eine Herberge ausgestattet: Bettzeug, Nachthemden, Zahnbürsten, Geschirr, Bestecke, alles, was man für die Aufnahme von Gästen braucht.
Lotta, Vera, Carlos und Gabriel sind die, die jetzt schon in Unserem Haus wohnen. Carlos aber nur ganz selten. Kai gehört in letzter Zeit auch dazu, und ich auch, ich bleibe auch hier, ins Exil will ich nicht zurück. Brigitte und Barbara sind bei Lotta einquartiert, bleiben Oma Phil, Mona, Heinz und Brillenfee.
Nach Hause - vielleicht kann Gabriel seine Flügel ausbreiten und Brillenfee mit dem Fallschirm über Hawaiʻi abwerfen - ich weiß, Gabriel, so ein Engel bist du nicht - oder sie zieht einfach in Unser Haus ein und geht für ein paar Wochen als Austauschschüler auf die Koppelbergschule. Sie könnte dort Hula-Kurse geben und Gabriel könnte ihr mit der hawaiischen Sprache helfen, besonders die Namen lassen noch zu wünschen übrig.
Vera hätte Heinz und Kai bestimmt von Anfang an mit in Unser Haus genommen, wenn sie von dem Unglück gewusst hätte. Jetzt könnte er einmal ausprobieren, ob es sich in Unserem Haus nicht besser wohnt, als in seinem Schwimmhaus am Hafenrand. Von Heinz weiß ich überhaupt nichts, nur, dass sein altes Bandoneon nach dem Krach wohl endgültig kaputt ist. Und Kai weiß fast nichts von seiner Mutter. Heinz soll uns unbedingt von Molly-Maria erzählen, dass sie nicht verloren geht.
Mona kann nicht alleine am Hafenrand bleiben. Unser Haus ist so groß, dass sie Vera tagelang nicht über den Weg laufen muss. Und wenn doch, dann wäre das für beide die beste Gelegenheit, sich zusammenzusetzen und die silbernen Löffel zu zählen. Und mit Brillenfee könnte sie über das gemeinsame Alkoholproblem ratschlagen.
Oma Phil sagt immer zu mir: Junge Dame, erst die Tiere. Das meint: die Tiere müssen versorgt werden. Doch nach den Tieren kommt der Mensch. Oma Phils Umgang mit dem Menschen ist im allgemeinen höflich und gerecht, sie redet aber auch nicht um den heißen Brei. Nur mit Carlos kommt es mir so vor, als verwandele sie sich plötzlich in ein trotziges Kleinkind. Ach, wenn sie sich das bloß einmal abgewöhnen würde, der Carlos hat ihr überhaupt nichts getan.
Zum Schluss noch ein Herzenswunsch: lasst uns das Lager hier abbrechen, das Feuer löschen, schnell alles aufräumen, in den großen Omnibus steigen, uns von Gabriel hinunter zum Gelben Haus fahren lassen und lasst uns dort einziehen, in Unser Haus, lasst es uns in der Diele noch ein wenig gemütlich machen und das Fest dort gemächlich ausklingen lassen.
›Touché!‹
›Uns will niemand adoptieren.‹
›Ja, weil du immer so frech bist.‹
›Gerda hat recht, der Wagen fährt auch ohne Lenkzeichen.‹
›Ich sage nur so viel: der Koppelbergkrieger ist kein Fisch.‹
›Nicht das Bandoneon, etwas in meiner Brust ist zersprungen, aber jetzt geht es mir gut.‹
›Habt ihr noch etwas von diesem köstlichen Kräuterlikör?‹
›Ich wusste gar nicht, dass wir silberne Löffel haben.‹
›Ich wasche meine Hände in Unschuld.‹
›Ich halte mich an Brillenfee.‹
›Einer muss bei den Tieren bleiben.‹
›Eierkuchen.‹
Oh! Auch du, mein Carlos.
›Was denn, ich?‹
Na, du weißt schon - Friede, Freude, Eierkuchen - das Gerda-lustig-Gen, du machst dich über mich lustig.
›Niemals, das würde ich nie wagen. Ich meine nur: wir haben noch so viele Eier im Kühlschrank, wir haben Mehl, Zucker, Salz, Butter, Apfel- und Pflaumenmus, Zimt und alle möglichen Gewürze. Wenn wir jetzt nach unten gehen, dann könnte ich uns noch ein paar köstliche Eierkuchen backen - wir haben ja auch lange nichts mehr gegessen.‹
Oh, da wird Brillenfee sich freuen, die spekuliert nämlich schon die ganze Zeit auf Eierkuchen zum Abchluss. Du solltest Lotta mit in die Küche nehmen. Dank ihrer neuen Frisur kann man jetzt ihre Ohren sehen. Die sind nicht nur wunderschön, sondern können auch sehr gut hören. Du könntest ihr so manches Geheimnis verraten, wie du deine Eierkuchen bäckst oder mit welchen Verbrechen du dein vieles Geld verdienst. Sie macht sich nämlich große Sorgen darum und überlegt schon, dich zu enterben.
Und ja, Oma Phil, einer muss bei den Tieren bleiben, aber du nicht. Ich bleibe bei den Tieren, und passe auf, dass nichts geschieht. Du gehst mit und lässt dir von Carlos dein altes Haus zeigen und wie schön er es hergerichtet hat. Alles so wie früher, nur um einen Meter angehoben, zwei Aufzüge im Innern und eine Glaskuppel auf dem Dach, so dass man von der Diele aus direkt in den Himmel schauen kann. Es ist eine Schande, dass du es noch nie gesehen hast.
So weit meine Geschichte. Wir alle müssen unsere Geschichte selbst erzählen und hoffen, dass jemand zuhört, der uns die Welt erleben macht.
Jetzt ist Nacht und alles ist besser als zuvor und ich bin müde und mag nicht mehr und wünsche allen eine gute Nacht.
Amen und Aloha.
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