Epilog: Gerda
Hauptperson, Singulär
Da ist noch jemand, unter dem Dach, über den Zaunpfählen. Ratten sind es nicht, klingt eher nach einer Vogelstimme, ein etwas heiserer Rabe, der berühmte ʻŌʻō-Vogel, das muss Gerda untersuchen.
Die Kerze ist heruntergebrannt. Gerda schaltet die Handlampe ein, sie braucht die Leiter und die Schutzbrille aus dem Werkzeugkasten. So ein Vogel kann einem leicht die Augen ausstechen, wenn er in Panik gerät.
Auf der Leiter kann Gerda nichts sehen, weil sie mit dem Kopf an die Decke stößt. Vorsichtig nimmt sie die beiden oberen Pfähle vom Stapel und stellt sie auf dem Boden ab. Sie will niemanden verletzen. Da ist der Vogel, nackter Hals, ein Geier. Zu klein, Minigeier. Auf dem Kopf ein Kamm, buntes Gefieder, ein Hahn, kranker Hahn, oh weh.
Um nach dem Vogel zu greifen, muss Gerda die Handschuhe holen. Als sie zur Leiter zurückkommt, flattert ihr das Tier entgegen. »Miez pass auf, du hast nur noch ein Auge.« Der Hahn landet auf dem Boden, rennt mit voller Wucht gegen die Wolldecke vor dem Eingang und fällt tot um. Gerda bemüht sich den Hund und die Katze zurückzuhalten. Tot ist der Hahn nicht, er rappelt sich wieder auf und tappert etwas benommen vor dem Eingang hin und her. Gerda nimmt die Wolldecke ab und folgt dem Vogel ins Freie.
Die Luft ist klar, am Himmel verblassen die Sterne, der Tag bricht an. Gerda beobachtet den Hahn, wie er einen fetten Regenwurm aus dem Boden zieht und zum Frühstück verspeist. Bis auf den kahlen Hals sieht er gesund aus. Er wird alleine zurechtkommen, Regenwürmer gibt es genug.
Erst die Tiere, frisches Wasser für den Esel, der Hund muss raus, vorher muss er lernen, dass der Hahn zur Familie gehört, für die Katze ist er als Beute zu groß, aber was soll der Hund fressen? Der Hahn kräht auf dem Dach, er muss hinauf geflogen sein, hätte Gerda ihm gar nicht mehr zugetraut, ein lautes, klares Kikeriki, das hallt durch's ganze Tal, der fette Regenwurm hat ihm die Stimme geölt.
Der Esel beginnt zu schreien. Gerda holt ihn aus dem Stall, hält ihm einen Eimer Wasser hin, aber trinken will er nicht, er will nur schreien, immerfort: Iah! Und der Hahn immerfort: Kikeriki! Dem Kätzchen tun die Ohren weh, es tänzelt aufgeregt um den Esel herum und beginnt zu fauchen und zu kreischen, immerfort, es versucht verzweifelt die Eselsposaune zu übertönen.
Der gebildete Rex bleibt still, bis Gerda ihn erlöst: »Rex, gib Laut.« - Da kann er nicht mehr an sich halten. Sein Lied beginnt mit einem tiefen, kehligen Knurren, dem ein langsam getaktetes Bellen folgt, das allmählich wütender wird - auch weil Gerda ihn antreibt - und dann in ein durchgehendes Heulen übergeht, dass einem Angst und Bange wird. Bellen und Heulen im Wechselgesang, immerfort, und Fauchen und Kreischen und Iah! und Kikeriki! immefort, die Tiere wollen gar nicht wieder aufhören.
Gerda hält sich die Ohren zu: Du meine Güte, was für ein Morgenkonzert! Ihr wollt den Tag einläuten, aber dieser Lärm reicht aus, um Tote zu erwecken. Aber reicht das wirklich? Gerda will auf Nummer sicher gehen und lärmt mit: heult, weint, schreit, kreischt, pfeift, singt, bläst die Gießkannenposaune, schlägt die Regentonnendeckelpauke, jodelt, jubelt, lauter, lauter, leben, Halleluja!
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