Epilog: Gerda
Hauptperson, Singulär
Ein Würgen, ein Stöhnen, von draußen, da kommt noch Besuch. Hund, und was für einer, ein Riese. Gerda kennt den Hund, das ist Rex, der alte Kläffer. Jeden Tag im Winter, wenn sie an seinem Grundstück vorbeikommt, rennt der an den Zaun und bellt sie an, hört gar nicht mehr auf zu bellen. Ihren Bestechungsversuch mit Hundekuchen hat er abgelehnt, der nimmt nichts an.
Im Augenblick sieht das aber eher nach einem Notfall aus, wie er so still da liegt, die Vorderläufe ausgestreckt am Strand, die Hinterläufe noch im Wasser. Wenn Gerda nichts unternimmt, erwürgt er sich noch selbst mit seiner Kette. Ein Riesenhund. So einer kann einem wirklich mit einem Schnapp die ganze Hand abbeißen.
Angst hat Gerda nicht, nicht vor dem kleinen Hündchen. Sie hat Angst vor etwas Größerem, vor einem Riesenungeheuer, einem Ungeheuer, das Wahrheit heißt. Oh, Lotta! Soll der Hund doch Gerda an die Kehle springen, dann hat sie es hinter sich. Ein willkommener Tod.
Vorläufig kann von springen allerdings nicht die Rede sein. Gerda zerrt an der Kette, stemmt sich dagegen. Langsam bewegt sich etwas, taucht auf, der First einer Hundehütte. Der Hund hat sein ganzes Haus mitgebracht.
Dummerweise robbt er weiter an Land, so dass die Kette sich wieder spannt. Gerda holt eine Mistgabel aus dem Stall, sticht das Gerät in den Boden, dem Hund direkt vor die Nase. Jetzt noch einmal kräftig an der Kette ziehen. Die Aufschrift REX am Giebel kommt zum Vorschein. Der Hund wirkt irritiert, weil er nicht weiterkommt, aber die Kette bleibt entspannt.
Gerda geht in die Hocke, schaut dem Hund ins Gesicht. Oh, dieser Dackelblick, zum Verlieben. Unwahrscheinlich, dass der ihr noch etwas tut, der ist fertig. Traumatisiert. Der war immer so mutig, weil er sich hinter dem Zaun verstecken konnte. Und wütend, weil die Kette ihm Schmerzen bereitet hatte. Aber wütendes Gebell hat nicht geholfen gegen die Flut. Bestimmt steht der ganze Hafenrand unter Wasser. Der Herr hat sich wahrscheinlich ins Obergeschoss gerettet, Aber warum hat er seinen Hund nicht mitgenommen? Tierquäler.
Um die Pontons am Hafen muss Gerda sich keine Sorgen machen, die Häuser sind ja für Hochwasser ausgelegt.
Jetzt also die Operation an dem Hund. Vorsichtig greift Gerda mit beiden Händen, links und rechts, nach der Kette und zieht sie dem Hund langsam über den Kopf, immer darauf bedacht, ihm nicht weh zu tun. Wie leicht das ging, ihr fällt ein Stein vom Herzen. Gerda legt die Kette beiseite, steht auf und zieht die Mistgabel aus dem Boden, sticht sie statt dessen zur Sicherung zwischen die Kettenglieder, vielleicht kann man den Rest der Hütte noch gebrauchen.
Einige Meter von dem Hund entfernt in gebückter Haltung ruft Gerda ihn an: »Hier!« Der Hund robbt vorwärts, zieht die Hinterläufe aus dem Wasser. Verletzungen sind keine zu erkennen. Endlich rafft er sich auf, steht auf allen vieren, ein wenig wackelig, aber er steht.
Gerda ist erleichtert, ein kranker Hund wäre jetzt keine Freude. Der Hund schüttelt sich einmal, will den Schlamm los werden, und kommt dann auf Gerda zugewankt, bleibt vor ihr stehen und schaut sie fragend an. Ein schönes Tier. Nicht mehr ganz jung, aber von beeindruckender Größe. So einer lehrt jedem Angreifer das Fürchten??>. Goldenes Fell mit altersgrauen Rändern.
Gerda testet weitere Befehle. »Bei Fuß!« Der Hund folgt ihr auf dem Schritt, einmal um den Stall herum. »Sitz!«, »Platz!«, der Hund setzt und streckt sich. »Bleib!« Der Hund bleibt auf der Stelle ausgestreckt während Gerda den Stall umrundet. »Braver Hund.« sagt Gerda, streichelt seinen Kopf und krault ihm den Hals. Leider fehlt ihr das Leckerli zur Belohnung.
Anscheinend ist der Rex ein ausgebildeter Wachhund. Und so einer wird an der Kette gehalten. Was für eine Schande. Aber jetzt hat er Gerda als neuen Herrn anerkannt. Der Rex gehört jetzt ihr. Sie hat sich schon immer einen Hund gewünscht, allerdings einen kleineren. Wie soll sie den bloß satt kriegen?
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