Epilog: Gerda
Hauptperson, Singulär
am nächsten Morgen aus unruhigen Trämen erwachte, fand sie ihre Insel in einen kleinen Hügel inmitten einer großen Wiese verwandelt und sie sah, dass die Wasser sich verlaufen hatten auf Erden und der Erdboden am Ufer des Flusses trocken war und sie auf dem trockenen Land den Fluss entlang bis an die Brücke der Hochstraße würde wandern können. Also beschloss sie, den schweren Weg fort von der trügerischen Hoffnung hin zu der unerbittlichen Wahrheit zu gehen.
²Mit bangem Mut machte Gerda alles bereit für den Aufbruch. Dem Esel legte sie das Halfter an, so dass sie ihn anbinden und führen konnte. Mit ihren schönen, flinken Händen knüpfte sie dem Hund zum Schein ein leichtes Halsband, das nichts halten musste, denn der Hund ging sicher am Fuß seines Herrn. Sie striegelte den Esel und prüfte seine Ohren und seine Hufe. Ebenso bürstete sie den Hund und prüfte seine Ohren und seine Pfoten. Dem Kätzchen aber gab Gerda ihren Segen und machte einen Abschied mit ihm, denn es war eigensinnig und wollte seine eigenen Wege gehen. Gerda machte alles in der Ordnung, wie sie es gelernt hatte: erst die Tiere, dann der Mensch. Gerda wusch ihre Hände und ihre Füße, zog die wollenen Socken und die gelben Stiefel über ihre Füße, rollte ihr langes Haar ein und verbarg es unter der roten Haube.
³Ein letztes Mal ließ Gerda ihren Blick durch den kleinen Stall wandern, ließ die Axt an der Wand hängen, nahm aber vom Werkzeug eine Monierzange und eine kleine Rolle Bindedraht an sich und schob beides in die Seitentasche ihrer blauen Latzhose ein. Auch nahm sie eine orange Wachskreide aus dem Werkzeug und schrieb damit ein großes DANKE! an die Wand und unterzeichnete es mit ihrem Namen: Gerda vom Koppelberg. Denn das sollte ihr richtiger Name sein und der große Gartenzwerg, falls er noch lebte, sollte wissen, wo er Gerda und seinen Esel fände.
⁴Also bereitete Gerda alles und tat es mit tiefem Ernst, als sei es eine heilige Pflicht, die ihre Geschichte zum Guten wende. Und Gerda sah alles, was sie bereit gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Der Tag war hell und neu, die Sonne war aufgegangen über dem Berg und also zogen die drei Wanderer aus von Bethlehems Stall nach dem Koppelberg, ein Hund, ein Esel und ein Mensch.
⁵Das Herz war schwer, aber der Schritt war leicht und so war das Stundenglas noch halb voll, als die Gefährten an dem Wildzaun am Rande der Hochstraße ankamen. Und dort, an der Hochstraße, war die große Brücke, die die Hochstraße über den Fluss führte und über die Gerda zur rechten Seite des Flusses gehen wollte.
⁶Gerda band den Esel an einen Pfahl des Wildzauns fest und ließ den Hund sich dort setzen und alles bewachen. Dann nahm sie die Monierzange aus der Seitentasche ihrer blauen Latzhose und schnitt ein großes Loch in den Wildzaun, das war so groß, dass der Esel hindurch gehen konnte.
⁷Fünf Mal musste Gerda über die Brücke über den Fluss gehen. Das erste Mal ging Gerda zusammen mit dem Hund über die Brücke zur rechten Seite des Flusses. Dort schnitt sie ein ebenso großes Loch in den Wildzaun, wie sie es auf der anderen Seite getan hatte, und sie ließ den Hund sich vor dem neuen Loch setzen und alles bewachen. Das zweite Mal ging Gerda über die Brücke zurück zur anderen Seite, um den Esel zu holen. Das dritte Mal führte Gerda den Esel über die Brücke zur rechten Seite. Dort band sie ihn an einen Pfahl des Wildzauns fest und ließ den Hund alles bewachen. Das vierte Mal ging Gerda über die Brücke zurück zur anderen Seite und dort machte sie das Loch im Wildzaun wieder zu. Das tat sie mit dem Bindedraht aus der Seitentasche in ihrer blauen Latzhose. Das fünfte Mal ging Gerda über die Brücke zur rechten Seite, das war die Seite des Flusses, an der der Koppelberg war. Dort machte Gerda das Loch am Wildzaun wieder zu, wie sie es auf der anderen Seite getan hatte.
⁸Durch das furchtbare Brausen der Wagen auf der Brücke waren die Tiere sehr geängstigt, aber Gerda sprach viele gute Worte in ihre Ohren, so dass sie sich weniger fürchten mussten. Also war Gerda mit ihren Tieren am Fuß der großen Bergkette angekommen, an deren Ende der Koppelberg war, und das war der Berg der Wahrheit.
⁹Am Fuß der Bergkette war eine Quelle klaren Wassers. An dieser Quelle tränkte Gerda zuerst den Hund und dann den Esel und labte sich selbst als letzte. Auch fand der Esel dort ein Stück frischen Grases zum Fressen. So hielten die drei Gefährten eine Weile Rast und sie ruhten bis das Stundenglas ganz leer war.
¹⁰So gestärkt stiegen die Gefährten den Steig hinauf zum Weg durch den Wald auf der Höhe der Bergkette, ein Hund, ein Esel und ein Mensch. Und sie folgten dem Weg durch den goldenen Wald und von Zeit zu Zeit machten sie halt und Gerda sah durch die Bäume hinab auf das Land der Wiesen und dort suchte sie den kleinen Stall, der ihr Zuflucht gewesen war und den sie um der Gewissheit willen verlassen hatte. Die Wanderung währte bis das Stundenglas abermals ganz leer war.
¹¹Dann war der Wald zu Ende und die Gefährten traten heraus aus dem Wald und sie traten auf die große Weide auf dem Berg, der der Koppelberg genannt wurde. Drei Gestalten traten aus dem Wald, ein Hund, ein Esel und ein Mensch. Der Mensch aber war Gerda vom Koppelberg.
¹²Und als Gerda aus dem Wald getreten war, sah sie von weitem drei Gestalten beieinander stehen, davon waren zwei menschliche Gestalten und eine Gestalt war ein kleiner Hund. Die drei Gestalten standen beieinander vor dem Eingang zu den Kammern in dem großen Stall, der zum Reiterhof auf dem Koppelberg gehörte.
¹³Der eine Mensch war Philippa vom Koppelberg, die den Hof leitete und die von den Kindern nur Oma Phil genannt wurde.
¹⁴Der Hund war Oma Phils Hund, dem sie den Namen Wolf gegeben hatte.
¹⁵Der andere Mensch war Lotta vom Koppelberg. Aber Gerda wusste nicht, dass es Lotta war. Vielmehr meinte Gerda, dass es ein Engel sei in einem weißen Gewand, der gekommen sei um Oma Phil die Nachricht vom Tod der Lotta vom Koppelberg zu bringen. Das meinte Gerda, weil das Haar von Lottas Haupt geschoren war und weil Lotta mit Oma Phils weißem Bademantel gekleidet war. Da weinte Gerda und ihre Augen waren trüb von Tränen und ihre Knie waren schwach und sie konnte keinen Schritt mehr gehen.
¹⁶Oma Phil und Lotta waren einander zugewandt und sie hatten Gerdas Ankunft nicht bemerkt. Der Wolf aber war ein wachsamer Hund und er schlug an, um die Ankömmlinge zu melden. Da wandten sich Oma Phil und Lotta um und sie verwunderten sich, da sie am Wald einen Fremden mit einem Hund und einem Esel sahen. Denn sie wussten nicht, dass der Fremde Gerda war.
¹⁷Als aber Gerda die rote Haube von ihrem Haupt nahm und ihr langes Haar darunter hervorkommen ließ, da sahen Oma Phil und Lotta, dass es Gerda war. Lotta aber lief auf Gerda zu und fiel ihr um den Hals und herzte sie und küsste sie und sprach: Gerda! Da wusste Gerda, dass es Lotta war, und dass Lotta gerettet war, und beide weinten vor Glück.
¹⁸Inzwischen war Oma Phil herangekommen und zupfte Lotta am Ärmel, weil sie auch mit Gerda sprechen wollte. Und weil Gerda sich nicht mehr um ihre Tiere gekümmert hatte, fürchtete sie, Oma Phil würde sie tadeln: Junge Dame, die Tiere zuerst, würde sie sagen.
¹⁹Aber Gerda sah, dass Oma Phil ganz rot geweinte Augen hatte, und Oma Phil umarmte Gerda und flüsterte: Ach Gerda, ich dachte schon, mein Lieblingsjünger hätte mich verlassen. Ich freue mich so, dich gesund und munter wiederzusehen. - Und dann sprach sie sanft und freundlich zu Gerda: Du hast mir den Rex mitgebracht, so eine Überraschung. Komm Mädchen, ich nehm dir die Tiere ab. Und Oma Phil nahm den Esel am Halfter und führte ihn zum Trinken und Fressen zu den Ställen, und der Hund Rex begleitete sie am Fuß, wie er es von Oma Phil als junger Hund gelernt hatte. Denn das war gewiss, dass Oma Phil den Rex erzogen hatte.
²⁰Da standen sie also, Lotta und Gerda, Hand in Hand vereint, wie in alten Zeiten, die furchtlosen Schwestern vom Koppelberg. Und der Tag war noch neu, und der Himmel war blau, und die Sonne lachte auf Erden, und die Bäume trugen goldene Blätter, und oben grasten die Pferde, und unten rauschte der Fluss -
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